Wer ist schuld an der Krise?

Seit dem 9. August 2007, als die Zinsen für Interbankfinanzkredite sprunghaft anstiegen, befindet sich die Weltwirtschaft in der schwersten Krise seit dem Ende des zweiten Weltkrieges.

Das Platzen der Immobilien Blase in den USA führte zu einer Kettenreaktion. Zunächst brachte das Platzen dieser Blase Banken in Bedrängis. Verluste und Insolvenzen bei Unternehmen der Finanzbranche waren die Folge. Diese Entwicklung veranlasste mehrere Staaten, große Finanzdienstleister durch riesige Fremdkapital- und Eigenkapitalspritzen am Leben zu erhalten. Einige Banken wurden verstaatlicht und manche später dann geschlossen. Die ohnehin schon hohe Verschuldung vieler Staaten stieg krisenbedingt stark an. Trotz aller Bemühungen dies zu verhindern, übertrug sich die Krise in Folge von Produktionssenkungen und Unternehmenszusammenbrüchen auf die Realwirtschaft. (Wirtschaftskrise 2007,  Finanzkrise ab 2007, Bankenkrise, StaatsschuldenkriseEurokrise).

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Auf die Frage, wer denn nun Schuld an dieser Krise sei, erhält man, je nach politischem Standpunkt die unterschiedlichsten Antworten.

In diesem Beitrag soll gezeigt werden, dass mit den gängigen Antworten diese Krise bei weitem nicht erklärt werden kann. Die Ursachen sind struktureller Natur. All jene, von denen wir glauben, dass sie Einfluß auf die wirtschaftliche Entwicklung hätten, Politiker, Unternehmen bzw. deren Manager, sie alle sind nur Passagiere einer Entwicklung, die sie nicht steuern sondern nur in bedingter Weise moderieren können.

Immobilienblase als Auslöser

Weitgehend außer Streit steht, dass das Platzen der Preisblase auf dem US-Immobilienmarkt der Auslöser für die derzeitige Krise war. Ab der Mitte der 1990er Jahre verzeichnete der Immobilien Preisindex einen sehr rasanten Anstieg. 2006 erreicht er seinen Höchststand. Die genauen Gründe, die zum Platzen dieser Blase führten können in (Immobilienblase) nachgelesen werden. Die folgende Abbildung zeigt die Entwicklung des US-Immobilien Preisindex für den Zeitraum 1953 bis 2011.

Immobilien Preisindex USA

Bis zum Beginn der 1970er Jahre entwickelten sich die Immobilienpreise moderat. In den folgenden 30 Jahren, bis zum Begin der 1990er Jahre, kam es zu einem deutlich größeren Anstieg der Preise. Der Anstieg verlief aber noch weitgehend linear. Zu Beginn der 1990er Jahre beginnen die Immobilienpreise allerdings exponentiell zu wachsen. Zu diesem Zeitpunkt ändert sich die Qualität der Preisentwicklung, Immobilien werden zu Spekulationsobjekten.

Eine ähnliche Entwicklung zeigen die Verläufe der amerikanischen Aktienindizes DOW JONES und NASDAQ:

Aktienindizes DOW JONES
Entwicklung des Dow Jones Index von 1975 – 2014
Aktienindizes NASDAQ
Entwicklung des NASDAQ Index im Zeitraum 1985 – 2014

Beide Indizes wachsen, wie zu erwarten ist, annähernd exponentiell, der Dow Jones mit 8,96% pro Jahr, der NASDAQ mit 12,5%. In den beiden Abbildungen oben, sind die Kurven für ein exponentielles Wachstum mit den oben erwähnten Wachstumsraten rot dargestellt. Sie zeigen, dass die Aktienindizes bis zum Beginn der 1990er Jahre ziemlich genau diesen Linien folgen. Dann allerdings, bis zur Jahrtausendwende, beginnen sich die Kurse explosionsartig zu entwickeln.

Beim NASDAQ deckt sich diese Entwicklung exakt mit dem Bilden der Dotcom-Blase, die dann unmittelbar nach der Jahrtausendwende platzt. Der NASDAQ stürzt in den folgenden Jahren ab und zwar auf jenes Niveau, das sich ergäbe, wenn der NASDAQ von Anfang der 1990er Jahre stetig mit 12,5% pro Jahre gewachsen wäre. In den folgenden Jahren setzt sich dieses Wachstum im Durchschnitt fort.

Zu Beginn der 1990er Jahre muss sich, zumindest in den USA, ein Umstand ergeben haben, der dazu führte, dass es zu einer exzessiven Ausweitung des Handels mit Immobilien und Aktien kam. Diese Entwicklung bleib aber nicht nur auf die USA beschränkt. Die folgenden Diagramme zeigen die Entwicklungen des ATX, des DAX und des NIKKEI-Index:

Aktienindizes ATX
Entwicklung des ATX im Zeitraum 1985 – 2014
Aktienindex DAX
Entwicklung des DAX im Zeitraum 1985 – 2014
Aktienindex NIKKEI
Entwicklung des NIKKEI im Zeitraum 1985 – 2014

Alle diese Indizes zeigen ähnliche Verläufe. Zunächst folgen sie einem exponentiellen Wachstum. Dann Ende der 1980er Jahre entwickeln sich der DAX und der NIKKEI explosionsartig. Der ATX zeigt die selbe Entwicklung, allerdings mit einer zeitichen Verzögerung.

Einfluß der Politik

Machen wir einen Blick in die Vergangenheit. In den 70er und 80er Jahren sieht die politische Landschaft Europs ganz anders aus als heute.

Mitten durch den Kontinent verläuft der Eiserne Vorhang. Die Staaten Osteuropas sind auf Planwirtschaft basierende sozialistische Volksdemokratien. In den westlich des Eisernen Vorhangs liegenden Staaten Europas gibt es starke sozialdemokratische und auch kommunistische Parteien. In der folgenden Tabelle sind die Regierungschefs der wichtigsten europäschien Staaten in jener Zeit angeführt-

Neben den sozialdemokratische Parteien gab es im westlichen Europa auch starke kommunistische Parteien. In Italien etwa erreichte die KPI (Kommunistische Partei Italiens)  1976 mit 34,4% der Wählerstimmen ihr bestes Wahlergebnis. Auch die  PCF (Kommunistische Partei Frankreichs) erzielte 1969 unter Jaques Duclos mit 21,3% der Wählerstimmen ihr bestes und 1981unter Georges Marchais mit 15,4% der Wählerstimmen ihr zweitbestes Ergbnis.

Bis zum Beginn der 80er Jahre war Europa deutlich nach links ausgerichtet. In den 80er Jahren beginnt sich die politische Situation dann deutlich zu verändern. Europa rückt nach rechts. Gegen Ende der 80er Jahre fällt der eiserne Vorhang, die sozialistischen Volksrepubliken zerfallen, in Osteuropa folgt eine Periode wirtschaftlicher und politischer Transformation.

Die folgende Tabelle führt die prägenden Regierungschefs jener Ära an.

Ein Auslöser dafür, dass das politische Pendel in den 80er Jahren in Richtung rechts ausschlägt, liegt in der Ölkrise von 1973. In Folge des Jom-Kippur-Krieges drosselten die Mitgliedsstaaten der OPEC ihre Erdölproduktion bewußt um 5%.  Am 17. Oktober 1973 stieg der Rohölpreis pro Barrel um ca. 70%. Diese auch als „Ölschock“ bezeichnete Ölkrise löste in den Industrieländern schwere Rezenssionen aus. Dieser Entwicklung versuchten die Regierungen durch Deficit spending (Defizitfinanzierung) gegen zu steuern. Entsprechend der Konjunkturtheorie von Keynes sollte der Staat durch Anschubfinanzierungen die Konjunktur ankurbeln. Die dadurch gemachten Schulden sollten dann in einer Hochkonjunkturphase durch die erzielten Haushaltsüberschüsse wieder ausgeglichen werden.

Die folgende Tabelle zeigt die Wachstumsraten der wichtigsten europäischen Industriestaaten vor und nach der Ölkrise. Bis zum Beginn der Ölkrise liegen die durchschnittlichen Wachstumsraten in der Größenordnung von 5%. In den Jahren danach, bis zur Jahrtausendwende liegen die durchschnittlichen Wachstumsraten in der Größenordnung von 2%.

Quelle: The World Economy, Agnus Maddison OECD Publishing, Seite 188. Eine detailierte Übersicht über die Wachstumsraten der europäischen Union und ihrer Mitgliedsländer im Zeitraum von 1951 – 2001 findet sich auf economic-groth.EU.

Wie sich in den 80er und 90er Jahren zeigte, konnte die wesentliche Voraussetzung des keynesianischen Modells, dass der Staat in Folge seiner Versuche die Wirtschaft anzukurbeln, in der Lage sein wird Überschüsse zu erwirtschaften, nicht erfüllt werden. Die in diesem Zeitraum erzielten Wachstumsraten von ca. 2% reichten dazu nicht aus. Die Ursachen dafür, dass keine deutlich höheren Wachstumsraten erzielt werden konnten, wurden zunehmend in dem während der 60er unf 70er Jahre gut ausgebauten Sozailstaat gesehen, dessen Finanzierbarkeit immer mehr in Frage gestellt wurde. Es mehrten sich jene Stimmen, die eine Reduktion des Einflusses des Staates forderten: „Weniger Staat, mehr privat“ war die Devise. Seine ideologischenGrundlagen fand diese Denkweise im Neoliberalismus und in der Folge in einer sehr konkreten Ausformung in der Wirtschaftspolitik von Ronald Reagan und Margaret Thatcher. In den USA versuchte Bill Clinton während seiner Präsidentschaften von 1993 – 2001 einen dritten Weg zu gehen. Während der Präsidentschaften des neokonservativen George W. Bush von 2001 – 2009 setzten die USA, zumindest in der Wirtschaft, wieder auf den neoliberalen Ansatz.

Durch Liberalisierung und Deregulierung, durch den Abbau von Bürokratie sollte die Wirtschaft „entfesselt“, der Wettbewerb sollte angekurbelt werden, die Volkswirtschaften sollten wieder vermehrtes Wachstum erzielen können. Wie die Statistiken zeigen, erfüllten sich diese Hoffnungen nicht.

In der Realwirtschaft kommt es zu einer Entwicklung bei der die Unternehmensziele immer stärker auf die Aktionärsinteressen ausgerichtet werden. Das Streben nach einer möglichst hohen, kurzfristigen Rendite ersetzt das Interesse an langfristigen Investitionen. Diese Entwicklung wird begünstigt durch die Deregulierung und Globalisierung der Finanzmärkte und der Ausbreitung neuer Finanzierungsinstrumente. Der Aufstieg institutioneller Investoren (Fonds) und Investmentbanken hat eine Finanzialisierung der Wirtschaft zur Folge. Sie verspricht Gewinne ohne Investitionen. Wie sich zeigt sind diese Gewinne nur durch Spekulation an der Börse erzielbar. Dem Wachstum der Finanzvermögen steht allerdings kein entsprechendes Wachstum von Gütern und Dienstleistungen gegenüber (neoliberales Gewinnmodell). Die Grundlage für das Entstehen von Spekulationsblasen ist gebildet. Vom Beginn der 90er Jahre bis herauf in die Gegenwart haben sich folgenden Blasen gebildet:

  • 1990: Aktien- und Immobilienblase in Japan
  • 2000: Dotcom-Blase in den USA
  • 2007: Immobilienblase in den USA

Fazit

Betrachtet man die wirtschaftliche Entwicklung der wichtigsten Industrienationen seit dem Ende des zweiten Welkrieges bis herauf in die Gegenwart fällt auf, dass das Wirtschaftswachstum im Durchschnitt stetig abnimmt. Diese Abnahme ist unabhängig von der politischen Ausrichtung der Regierungen. Weder linke noch rechte Regierungen, weder Deregulierung, Liberalisierung noch Globalisierung konnten diese stetige Abnahme verhindern. Dieses Phänomen kann nur dadurch erklärt werden, dass unbegrenztes Wachstum in einer begrenzten Welt nicht möglich ist. Ein Wirtschaftssystem, das stetiges Wachstum von mindestens 2% benötigt, muss in einer begrenzten Welt unweigerlich an Grenzen stoßen. Alle Versuche der Regierungen, dieses Wachstum aufrecht zu erhalten, stellen den Versuch dar, eine Krankheit durch Behandlung ihrer Symptome zu heilen.

Anhänger der Marktwirtschaft argumentieren gerne, dass es immer Möglichkeiten des Wachstums gäbe, dass Krisen immer gegeben habe und immer geben werde und dass sie das Resultat des Versages der Politik seien. Entweder war der Staat zu stark, soll heißen er hat den freien Wettbewerb behindert, oder der Staat war zu schwach, soll heißen der Staat hätte stärker auf die Steuerung der Geldmenge achten sollen.

Was bei dieser Argumentation übersehen wird, ist die Natur des Exponentiellen Wachstums. Betrachten wir den einfachen Fall der stetigen Verzinsung eines Anfangskapitals von 1.000.000€ mit einem konstanten Zinssatz von 3%. Die folgende Abbildung zeigt, wie sich die jährliche Zunahme entwickeln würde. Auch die jährliche Zunahme des Kapitals folgt einem exponentiellen Wachstum.

Exponentielles Wachstum
Jährliche Zunahme eines Grundkapitals von 1.000.000€ bei einer angenommenen jährlichen Verzinsung von 3%

Nach dem ersten Jahr beträgt der Zuwachs 30.000€. Im 50. Jahr beträgt der jährliche Zuwachs 127.687€, das ist das 4,26 fache des Zuwachses des ersten Jahres. Das Wesen exponentiellen Wachstums ist es, dass der jährliche Zuwachs mit jedem Jahr ebenfalls exponentiell ansteigt. Für eine reale Wirtschaft bedeutet dies, dass mit jedem Jahr exponentiell steigende Zuwächse erwirtschaftet werden müssen.

Selbst wenn diese Produktionszuwächse realisiert werden könnten, müßten die so gewachsenen Produktionsmengen auch verkauft werden. Dass die Zahl der Konsumenten diesem Wachstum nicht folgen wird können, darf wohl als evident angenommen werden. Bei einer stagnierenden Zahl von Konsumenten bedeutet dies, dass jeder einzelne Konsument seinen Konsum exponentiell steigern müßte. Auch dieser Ansatz stellt keine realistische Option dar.

Wege aus der Krise

Für ein Wirtschaftssystem, das auf exponentiellem Wachstum basiert, ist das Auftreten von Krisen systemimmanent. Bislang führten Krisen zur Vernichtung vorher akkumulierter Vermögenswerte. Durch Reduktion des Anfangskapitals, also des zu vermehrenden Vermögens, wird exponentielles Wachstum wieder möglich.

Exponentielles Wachstum mit Reduktion des Ausgangskapitals nach 25 Jahren

Im derzeitigen System der Marktwirtschaft ist dies die einzige Möglichkeit, Wachstumsraten jenseits der 2% Grenze zu ermöglichen. Angesichts des Umstandes, dass diese Option wohl von den Wenigsten als eine erstrebenswerte Möglichkeit betrachtet wird, ercheint es verwunderlich, dass sich die Wirtschaftswissenschaften in keiner Weise mit der Suche nach alternativen Modellen befaßt. An den Wirtschaftsuniversitäten dieser Welt wird fast ausschließlich an Methoden und mathematischen Modellen zur Beschreibung der derzeit existierenden Version der Marktwirtschaft geforscht. Dies ist umso verwunderlicher, als kein Wirtschaftswissenschaftler die Krise des Jahres 2007 vorausgesagt hat bzw. voraussagen konnte.

Selbst wenn alternative Wirtschaftsmodelle zur Verfügung stünden, stellt sich die Frage, wie der Übergang vom derzeit vorherrschenden Modell zu einem alternativen Modell in einer global vernetzten und verzahnten Wirtschaft erfolgen sollte. Wahrscheinlich ist ein solcher Übergang nur in einer massiven und globalen Wirtschaftskirse möglich.

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