Wenn Geld arbeitet entstehen Schulden

Die Welt versinkt in Schulden. Egal ob hoch entwickelte Industriestaaten oder Schwellenländer, ob öffentliche oder private Haushalte, ob Plan- oder freie Marktwirtschaft, ob linke, rechte, liberale oder konservative Regierungen: Die Schuldenlast nimmt stetig zu.

Die Anhäufung von Schulden scheint einer Gesetzmäßigkeit zu folgen. Egal, wie Menschen wirtschaften, es gibt immer zu wenig Geld. Warum ist das so?

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Schuldner wohin man schaut

Nach der Finanzkrise von 2008 und der daraus resultierenden längsten und tiefsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg war erwartet worden, dass die Volkswirtschaften der Welt ihre Schulden abbauen würden. Dies ist nicht geschehen.

Verschuldung_Global

Ob private Haushalte, Unternehmen oder Regierungen, ob in Europa, Asien oder Amerika, ob in Industrie- oder Entwicklungsländern – die Welt versinkt in Schulden. Nur in Ausnahmefällen zeigt der Trend in die richtige Richtung.

Verschuldung_EUIn der EU liegt die durchschnittliche Verschuldung bei 239,1% des BIP. Über dem EU-Schnitt liegen, wie zu erwarten war, Griechenland, Irland, Portugal und Spanien. Daneben finden sich aber auch Luxemburg und die Niederlande. Deren Staatsverschuldung liegt zwar unter, die private Verschuldung ab deutlich über dem EU-Schnitt.

Verschuldung_ChinaAber auch das in den vergangenen 20 Jahren wirtschaftlich überaus erfolgreiche China hat sich zum Großschuldner gemausert. In der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt haben sich die Schulden in den vergangenen sieben Jahren vervierfacht. Inzwischen liegt auch die Schuldenquote über der vieler etablierter Industrienationen.

Des Übels Wurzel: Geldwirtschaft

Ein Rückblick

Die Anfänge des Wirtschaftens bildet die Natural- bzw. Tauschwirtschaft, eine auf Eigenversorgung ausgerichtete Wirtschaftsform. Im Gegensatz zur Geldwirtschaft gibt es kein allgemein akzeptiertes Tauschmittel, Waren bzw. Dienstleistungen werden “in natura” getauscht.

In dem Moment, in dem Waren getauscht werden, ergibt sich unmittelbar die Notwendigkeit, ihren Wert festzulegen. Diese Festlegung erfolgt zwischen den am Tausch beteiligten Partnern. Damit kommt das Gesetz von “Angebot und Nachfrage” in die Welt des Wirtschaftens. Wenn z.B. ein Viehzüchter ein Rind bei einem Erdäpfelbauer gegen Erdäpfel eintauschen möchte, müssen sich beide darauf einigen, wie viele Erdäpfel für ein Rind eingetauscht werden sollen.

Der Haken an der Naturalwirtschaft

Tauschwirtschaft funktioniert oft, aber nicht immer. Wenn sich z.B. ein Schuster mit einem Wintervorrat an Fleisch eindecken möchte, aber der Rinderbauer gerade keine Schuhe sondern Wolle benötigt, ist der Taschversuch zum Scheitern verurteilt, keiner bekommt was er benötigt, weder der Schuster sein Fleisch noch der Rinderbauer seine Wolle.

Derartige Probleme lassen sich durch Einführung eines algemein akzeptierten Tauschmittles überwinden: Geld.

Geld als universelles Tauschmittels

Geld ist seinem Wesen nach eine Art Schuldschein einer ausgebenden Stelle. Dieser Schuldschein lebt vom Vertrauen darauf, dass er jederzeit weitergegeben oder eingelöst werden kann. Zu Beginn der Geldwirtschaft entstand Geld durch die Bearbeitung von Edelmetallen, wobei der Wert der Münzen zunächst durch den Metallwert später durch ihren Nennewert entstand. Was passiert nun beim Übergang von der Natural- zur Geldwirtschaft?

Ein Gedankenexperiment

Wir betrachten ein fiktives Dorf mit 1000 Einwohnern, die ihre Lebensbedürfnisse über Tauschhandel befriedigen. Zuletzt kam es vermehrt zu Klagen, dass das System des Tauschhandels zu umständlich sei. Der im Ort ansässige Goldschmied, er hieß zufällig Taler, fand schließlich eine elegante Lösung des Problems. In einer einberufenen Bürgerversammlung machte er den Einwohnern folgenden Vorschlag:

euroIch möchte euch folgendes Experiment vorschlagen. Für jeden, der an meinem Experiment teilnimmt, fertige ich 100 spezielle Goldstücke. Es werden runde Scheiben sein. Auf der einen Seite wird ihr Wert eingeprägt sein, auf der anderen Seite wird vermerkt sein, wer dieses Goldstück ausgegeben hat und damit für seinen Wert bürgt.

euro_stapelAlle, die an diesem Experiment teilnehmen, können mit diesen Münzen ein Jahr lang Handel treiben. Sie verpflichten sich aber, nach einem Jahr alle 100 Münzen zurückzugeben. Außerdem verpflichten sie sich für das Ausborgen der 100 Goldmünzen eine Leihgebühr von 5% zu entrichten. Jeder muss mir also nach einem Jahr 105 Münzen zurückgeben.

euro_stapel_2Nach einigen Diskussionen unter den Bürgern fanden sich 100 Freiwillige, die bereit waren das Experiment zu wagen. Nachdem Goldschmied Taler für jeden von ihnen die 100 Münzen gefertigt hatte, konnte das Experiment beginnen. Nach exakt einem Jahr trafen sich die 100 Freiwilligen wieder bei Goldschmied Taler um die die geborgten Münzen inklusive der Leihgebühr abzuliefern.

euro_stapel_3Einige von ihnen hatten im vergangenen Jahr beim Handel Geschick bewiesen und sie hatten nach Jahresfrist mehr als 100 Münzen. Für sie war es ein leichtes, die geborgten 100 Münzen und die von Goldschmied Taler geforderte Leihgebühr von 5 Talern abzuliefern.

Jene aber, die weniger Geschick beim Handeln hatten und nicht den geforderten Betrag von 105 Talern abliefern konnten, hatten nun etwas, das sie noch nicht kannten: Sie hatten Schulden. Nun war der Katzenjammer groß und es entspann sich eine aufgeregte Diskussion.

Für jene, die einen Überschuss erwirtschaften konnten, lag der Grund für die Misere der Schuldner einfach in deren Ungeschick. Hätten sie ausreichend Geschick beim Handeln bewiesen, hätten auch sie einen Überschuss erwirtschaften und die geborgten Münzen samt Leihgebühr zurückzahlen können und es wären ihnen noch ein paar Münzen übrig geblieben.

Die erste Erkenntnis eines Skeptikers

Doch einem der Schuldner, Herrn Skeptiker, wollte dieser Erklärung partout nicht einleuchten. Er stellte folgende Überlegung an:

Angenommen, nach einem Jahr hätten alle 100 Teilnehmer wieder gleich viele Münzen wie zu Beginn des Experimentes, also jeder Teilnehmer hätte wieder, wie zu Beginn 100 Münzen. Dann könnten zwar alle 100 Teilnehmer ihre geborgten Münzen zurückgeben, aber es gäbe dann keine Münzen mehr, um die Leihgebühr von 5 Münzen entrichten zu können. Alle von Godlschmied Taler ausgegebenen Münzen wären ja bereits an ihn zurückgegeben worden. Keiner der Teilnehmer könnte die Leihgebühr entrichten. Alle Teilnehmer hätten also bei Goldschmied Taler Schulden.

Herr Skeptiker war auf das zentrale Problem der Geldwirtschaft gestoßen: Egal wie erfolgreich oder erfolglos jeder Einzelne agiert, unterm Strich müssen mehr Münzen zurückgegeben werden als zu Beginn ausgegeben wurden, es entstehen zwangsläufig Schulden! Das Einzige, was ein Teilnehmer dieses Systems tun kann, ist zu versuchen, durch geschicktes Handeln einen Überschuss zu erwirtschaften. Dieser Überschuss geht allerdings zu Lasten anderer Teilnehmer – je größer der Überschuss des einen, desto größer die Schulden eines anderen.

Die Geschäfte des Herrn Glück

rouletteHerr Glück war ein Bewohner des Dorfes, der die Chancen des Experimentes Geldwirtschaft erkannte und ein Geschäftsmodell entwickelte, mit dem er permanent einen Überschuss erwirtschaften konnte.

Herr Gück hatte eine vereinfachte Form des Glücksspiels Roulette entwickelt. Ähnlich wie beim Roulette schrieb er auf ein Drehteller die Zahlen 0, 1, …, 19. Nachdem der Drehteller in Rotation versetzt  wurde, wird eine Kugel in den Teller geworfen. Die Spieler können dann darauf wetten, bei welcher der Zahlen die Kugel zu liegen kommen wird. Jene Spieler, die auf die richtige Zahl gesetzt haben, bekommen das 19-fache ihres Einsatzes. Alle anderen Einsätze verfallen und gehören Herrn Glück. Die einzige Ausnahme bildete die Zahl Null: Sollte die Kugel auf der Null landen, gehören alle Einsätze Herrn Glück.

Herr Glück hatte sich folgendes überlegt: Wenn der Drehteller so gebaut ist, dass es für jede Zahl gleich wahrscheinlich ist, dass die Kugel dort landet, dann muss ein Spieler im Durchschnitt 20 Mal spielen, bis eine bestimmte Zahl (z.B. die Zahl 11) einmal kommt. Wenn dieser Spieler in jedem Spiel eine Münze einsetzt, hat er nach 20 Spielen insgesamt 20 Münzen ausgegeben. Für seinen Gewinn erhält er aber nur 19 Münzen, d.h. bei 20 Spielen macht er im Durchschnitt einen Verlust von 1 Münze. Dies entspricht einem Verlust von 5% des Einsatzes. Wenn jeder Spieler im Durschnitt einen Verlust von 5% seines Einsatzes macht bedeutet dies umgekehrt für Herrn Glück, dass er einen Gewinn von 5% aller Einsätze machen wird.

Die Erfahrung gab Herr Glück recht. Nachdem er den Dorfbewohnern sein Glücksspiel angeboten hatte, hatte er nach einem Jahr den von ihm erwarteten Gewinn von 5% erzielt.

Die zweite Erkenntnis eines Skeptikers

Als sich Herr Skeptiker mit dem von Herrn Glück angebotenen Spiel auseinandersetzte, fiel ihm eines auf: Glodschmied Taler und Herr Glück hatten, jeder auf seine Art, das gleiche Geschäftsmodell gefunden. Beide erzielten auf jeden Fall einen Gewinn von 5% des Ausgangskapitals. Entsprechend ergab sich für ihre Kunden insgesamt ein Verlust von 5%. Zwar konnten einige Kunden Gewinne erzielen, diese gingen aber immer zu Lasten anderer Kunden. Seine Erkenntnis: Geldwirtschaft und Roulette sind miteinander verwandt!

Doch in den beiden Geschäftsmodellen gibt es einen entscheidenden Unterschied: Beim Roulette bleibt in einer Spielrunde die Menge des Kapitals unverändert, es wechselt einfach seinen Besitzer.

In der Geldwirtschaft des Herrn Taler hat sich am Ende eines Jahres die Herrn Taler zustehende Geldmenge gegenüber der zu Jahresbeginn ausgegebenen Menge um 5% erhöht. Da dieses Geld nicht existiert, sind Schulden entstanden. Diese Schulden werden durch die von Herrn Taler eingehobene Leihgebühr (als Zinsen bezeichnet) erzeugt.

Zurück zu unserem Gedankenexperiment

Nachdem also nach einem Jahr einige der am Experiment Geldwirtschaft Teilnehmenden zu Schuldner geworden waren, bot ihnen Herr Taler eine Lösung an. Er gewährte den Schuldnern eine Fristerstreckung, allerdings mit folgender Auflage:

Jeder Schuldner darf die anfangs von Herrn Taler erhaltenen 100 Münzen noch weitere 3 Jahre behalten. Nach jedem Jahr werden dem bis zu diesem Zeipunkt ausständigen Kapital 5% Leihgebühr aufgeschlagen.

Gerne akzeptierten die Schuldner dieses Angebot, eröffnete es doch die Möglichkeit, in den kommenden drei Jahren den Fehlbetrag zu erwirtschaften. Nach drei Jahren alledrings, als sie sich wieder bei Herrn Taler trafen, rechnete dieser ihnen vor:

ausständiges KapitalLeihgebührgesamt fälliger Betrag
Jahr 1100,005,00105,00
Jahr 2105,005,25110,25
Jahr 3110,255,51115,76

Die Schuldner stellten mit Bestürzung fest, dass aus den nach einem Jahr fälligen Schulden von 5% des Ausgangskapitals nun nach drei Jahren eine Forderung in der Höhe von 15,76% des Ausgangskapitals entstanden war. Der Zinseszinseffekt war in die Welt gekommen.

Da Herr Taler keine weiteren Münzen ausgegeben hatte, konnten die Schuldner nur die ursprünglich gewährten 100 Münzen zurückgeben. Ihr Schuldenstand jedoch hatte sich dramatisch erhöht, dabei war er jedes Jahr stärker angewachsen als im vergangenen Jahr, ihre Schulden waren exponentiell gewachsen.

Fazit

Der Umstand, dass in der Geldwirtschaft Geld dadurch entsteht, dass es von einer Ausgabestelle (Notenbank) gegen eine Leihgebühr (Zins) ausgeborgt werden muss, ist die Geldmenge, die sich in Umlauf befindet immer geringer als jene, die letzlich an die Ausgabestelle zurückgezahlt werden muss. Dadurch entstehen zwangsläufig Schulden. Diese Schulden entstehen unabhängig davon wie sich die Marktteilnehmer verhalten. Egal wie die Marktteilnehmer wirtschaften, es entstehen immer Schulden.

Zwar gibt es in diesem System für einige Teilnehmer die Chance, Gewinne erzielen zu können. Diese Gewinne gehen aber immer zu Lasten anderer Teilnehmer. Unter dem Strich, also die Ergebnisse aller Teilnehmer zusammen gerechnet, ergibt sich immer ein Schuldenstand.

Das Entstehen von Schulden ist also eine dem System der Geldwirtschaft immanente Eigenschaft. Sie ist unabhängig vom Gesellschaftsmodell, vom politischen System bzw. von der politischen Ausrichtung einer Volkswirtschaft. Schulden entstehen durch das Einheben von Zinsen und sie wachsen nicht gleichmäßig, sondern exponentiell.

Gibt es Möglichkeiten des Schuldenabbaus?

Schuldenabbau durch Wachstum

Die Marktteilnehmer steigern ihre Umsätze und in der Folge ihre Gewinne. Für eine Steigerung der Umsätze muss allerdings die in Umlauf befindliche Geldmenge gesteigert werden. Wie oben gezeigt, generiert Geld, das in Umlauf gebracht wird, Schulden. Eine erhöhte Geldmenge bedeutet also eine Erhöhung des Schuldenstandes.

Unbegrenztes Wachstum wäre eine Möglichkeit, stetig wachsende Schulden zu bedienen. Unbegrenztes Wachstum in einer begrenzten Welt ist freilich eine Fiktion.

Die Einnahme- und Ausgabenschraube

Ein Schuldner kann versuchen, seine Einnahmen zu erhöhen und bei den Ausgaben zu sparen. Diese Strategie mag zwar für ihn persönlich erfolgreich sein, geht aber zu Lasten anderer Marktteilnehmer. Reduzierte Ausgaben des einen führen zu reduzierten Einnahmen anderer. Umgekehrt bedeuten erhöhte Einnahmen des einen, erhöhte Ausgaben anderer.

Bankrott

Hat ein Marktteilnehmer zu wenig Vermögen um seine Schulden bedienen zu können, müssen die Gläubiger zumindet auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Dadurch wird der Schuldner entschuldet, dies geht allerdings zu Lasten der Gläubiger.

Inflation

Wenn der Wert des Geldes schneller abnimmt als der Schuldenberg anwächst, wird dieser letztlich abschmelzen. Dieser Weg der Entschuldung geht zu Lasten derer, die über Vermögen verfügen, denn der Wert ihrer Vermögen schmilzt ebenso dahin.

Ein Schuldenabbau ist nicht möglich

Egal mit welcher Strategie man versucht, Schulden abzubauen, es funktioniert nicht. Eine auf Verzinsung von Kapital basierende Geldwirtschaft produziert notwendiger Weise Schulden und diese wiederum führen letzlich zur Verarmung der Marktteilnehmer.

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