Vom Wert des Lebens im 21. Jahrhundert

Die aktuelle Haltung unserer Gesellschaft zum Wert menschlichen Lebens ist ambivalent. Der Staat hat sich verpflichtet das Leben aller Menschen aktiv zu schützen. Durch gesellschaftliche und medizinische Entwicklungen wird allerdings das vom Staat geschützte Recht auf Leben in vielfältiger Weise aufgeweicht.

Die Idee der Menschenwürde

Unter dem Eindruck der Gräuel während der Zeit des Dritten Reichs wurde am 10. Dezember 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte [1] verabschiedet. Im Artikel 1 wird festgehalten, dass “alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind”.

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Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes lautet: “Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt[2].

In Österreich ist der Begriff der Menschenwürde über die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Europäische Menschenrechtskonvention in die Bundesverfassung integriert.

In einem Vorbereitungskurs für eine Prüfung zum Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft wird der Begriff Menschenwürde wie folgt definiert: “Der Wert aller Menschen ist gleich und alle Menschen haben bestimmte Rechte, die ihnen niemand wegnehmen kann und darf. Dies gilt unabhängig von der Herkunft eines Menschen, unabhängig von Geschlecht, Alter, Religion, Sprache, sozialer Stellung, sexueller Orientierung, Staatsbürgerschaft, politischen und sonstigen Anschauungen.” [3]

Entsprechend dieser Vorstellung hat der Mensch bestimmte, angeborene Rechte, die ihm niemand wegnehmen kann bzw. darf. Das elementarste Grundrecht eines Menschen ist das Recht auf Leben. Der Staat hat die Pflicht, das Leben aller Menschen aktiv zu schützen. Diese Formulierung klingt einfach und selbstverständlich. Wie problematisch diese Formulierung aber ist, zeigt sich, wenn es darum geht, wann menschliches Leben beginnt und wann es endet.

Abtreibung

Entsprechend unserer Rechtsordnung wird die Tötung eines Menschen mit Strafe bedroht [4]. Dabei hängt das Strafmaß davon ab, ob die Tötung vorsätzlich oder fahrlässig erfolgt ist.

Der zentrale Punkt bei einem Delikt gegen das Leben ist, dass es um die Tötung eines Menschen geht.

Menschliches Leben, soweit es durch die Delikte geben Leib und Leben geschützt wird, beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod. Präziser gesagt: zivilrechtlich beginnt menschliches Leben mit der Vollendung der Geburt, der strafrechtliche Schutz fängt hingegen schon mit dem Beginn der Geburt an [5].

Beim Schutz ungeborenen Lebens wird die juristische Situation etwas verzwickter. Laut §97 StGB [6] ist ein Schwangerschaftsabbruch straffrei

  • innerhalb der ersten drei Monate nach Beginn der Schwangerschaft. Der Beginn der Schwangerschaft wird mit der Einnistung der befruchteten Eizelle festgelegt.
  • wenn Gefahr für das Leben oder die Gesundheit der Schwangeren besteht.
  • wenn Gefahr besteht, dass das Kind geistig oder körperlich schwer geschädigt sein könnte.

Der Schwangerschaftsabbruch in den ersten drei Monaten kann aus beliebigen Gründen erfolgen. Wie lässt sich diese Lösung argumentieren?

Jedes setzen einer Frist, binnen der eine Abtreibung möglich ist, ist eine willkürlich gesetzte Frist.

Was unterscheidet einen ungeborenen Menschen von einem geborenen? Was sind die entscheidenden Wesensmerkmale, die die Tötung im einen Fall erlaubt und im anderen Fall verbietet?

Wenn man eine eben befruchtete Eizelle mit einem Neugeborenen vergleicht, sind die Unterschiede evident. Vergleicht man hingegen einen Embryo unmittelbar vor dem Ablauf einer willkürlich gewählten Frist mit einem Embryo unmittelbar nach Ablauf dieser Frist, ist kein markanter Unterschied auszumachen, mit dem eine Tötung vor Ablauf der Frist gerechtfertigt werden könnte.

Die Entstehung menschliches Leben ist ein stetig ablaufender Entwicklungsprozess. Es gibt keinen singulären Zeitpunkt an dem ein abrupter Übergang von einem “Zellklumpen” zu einem Menschen erfolgt.

Das allgemeine Selbstbewusstsein gilt Immanuel Kant als Voraussetzung für Erkenntnis

Bereits in den ersten 12 Wochen der Schwangerschaft werden alle inneren Organe, Ohren, Nase, Augen und das Gesicht ausgebildet. Gehirnströme sind messbar. Was diesem heranwachsenden Mensch zum vollständigen Menschsein noch fehlt, ist die Entwicklung von Selbstbewusstsein. Es fehlt ihm die Empfindung, ein Ich zu sein.

Dieses Ich wird erst in den ersten beiden Lebensjahren nach der Geburt ausgebildet [7]. In dieser Zeit entwickelt sich das Neugeborene von einem Lebewesen ohne Selbstbewusstsein zu einem Menschen mit Selbstbewusstsein. Wenn, so wie es in unserer Rechtsordnung gesehen wird, menschliches Leben mit der Geburt beginnt, kann das Vorhandensein von Selbstbewusstsein nicht als Kriterium dafür dienen, menschliches Leben von noch nicht menschlichem Leben zu unterscheiden. Auch Erwachsene befinden sich mitunter in einem temporären oder irreversiblen Zustand von Bewusstlosigkeit, z.B. dann, wenn ein Mensch ins Koma fällt. Trotz des nicht vorhandenen Selbstbewusstseins ist es für uns undenkbar, solchen Menschen ihr Menschsein abzusprechen.

Die Menschwerdung ist ein stetig andauernder Entwicklungsprozess, der ausgehend von einer einzigen Zelle zu einer stetigen Ausprägung und Erweiterung neuer Strukturen und Merkmale führt. In diesem Prozess werden zunächst auf der biologischen Ebene die Grundlagen für die Entwicklung auf der übergeordneten psychischen, seelischen  Ebene gelegt. Auf Grund der Natur dieses stetig in Richtung Bewusstseinsbildung fortschreitenden Entwicklungsprozesses wird klar, dass ein Schwangerschaftsabbruch möglichst früh erfolgen sollte.

Ein Schwangerschaftsabbruch bedeutet die Tötung werdenden menschlichen Lebens. Dies ist etwas, was ein Staat, der sich zum Schutz menschlichen Lebens verpflichtet hat, nicht erlauben kann. Was ein Staat tun kann, ist zu ermöglichen, dass unter bestimmten Bedingungen, ein Schwangerschaftsabbruch straffrei bleiben kann. Die Straffreiheit wird vom Staat im Zuge einer Güterabwägung mit anderen Werten wie körperliche und psychische Gesundheit, soziales Wohlbefinden oder das Recht auf freie Entfaltung und Selbstbestimmung der Frau gewährt.

Im Zuge dieser Gewichtung entscheidet der Staat nicht darüber, ob bzw.  in welchen Fällen ein Schwangerschaftsabbruch moralisch richtig oder falsch ist. Er hat einen rechtlichen Rahmen abgesteckt, in dem ein freier, nur seinem Gewissen verpflichteter Entscheid ermöglicht wird.

Stammzellenforschung

Bei der intrazytoplasmatischen Spermieninjektion wird das Spermium mit einer Pipette (rechts) in die mittels einer Haltepipette (links) fixierte Eizelle eingebracht.

Der Kern des Problems der Stammzellen-Technologie ist, dass sie es ermöglicht, ein Lebewesen, auch den Menschen, grundsätzlich zu verändern. Außerdem muss, um embryonale Stammzellen zu gewinnen, ein Embryo zerstört werden. Wie beim Schwangerschaftsabbruch drängt sich hier die Frage auf, ob damit menschliches Leben vernichtet wird [10].

Für Stammzellenforscher ist ein Embryo noch keine Form menschlichen Lebens, da ein Embryo in diesem Stadium noch keine Nervenzellen besitzt und damit auch kein Bewusstsein. Für Befürworter der Stammzellenforschung gilt: Kein Bewusstsein – kein Mensch. Daher ist es aus ihrer Sicht legitim, einen Zellhaufen, der noch kein menschliches Leben darstellt, zum Zweck der  Stammzellengewinnung zu vernichten.

Wird die Stammzellenforschung freigegeben, wird die Vernichtung potentiell menschlichen Lebens im Reagenzglas zur Routine. In Zukunft könnte der menschliche Embryo zum Rohstoff für eine industrielle Nutzung werden.

In der Stammzellenforschung wird von Befürwortern damit argumentiert, dass mit dem Fehlen von Nervenzellen auch Bewusstsein fehlt und ein Embryo in diesem Stadium noch kein menschliches Leben darstellt. Im Gegensatz dazu, darf eine Schwangerschaft abgebrochen werden, auch wenn der Embryo schon Nervenzellen entwickelt hat und Hirnströme messbar sind. Zwar muss die Schwangere die Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch mit ihrem Gewissen vereinbaren können, dies ändert aber nichts an der prinzipiell anderen Sicht menschlichen Lebens in diesem Punkt.

Wann ist ein Mensch tot?

Pieta von Albin Egger-Lienz

Ähnlich verzwickt wie am Beginn des Lebens eines Menschen ist die Situation am Ende seines Lebens. Im Zusammenhang mit der Transplantationsmedizin stellt sich die entscheidende Frage: Wann ist ein Mensch tot? [8]

Wenn Organe einem Spender entnommen werden, müssen diese ihre Funktion noch erfüllen. Dies bedeutet, dass die Zellen des entnommenen Organs noch leben müssen. Bedeutet dies, dass der Spender noch lebt, wenn ihm Organe entnommen werden?

Juristisch wird ein Mensch für hirntot erklärt, wenn die Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms unumkehrbar erloschen ist. Der Hirntod wird mit dem Individualtod gleichgesetzt [9].

Allerdings sind Hirntote biologisch aktiv. Sie schwitzen und bilden Exkremente, Haare und Fingernägel wachsen weiter. Frauen können, wenn sie weiter künstlich beatmet werden, ihre Kinder auf die Welt bringen, die Schwangerschaft wird über die Gebärmutter hormonell gesteuert und so aufrechterhalten. Männer können Erektionen haben. Solange der Kreislauf aufrecht erhalten wird, funktioniert bei Hirntoten auch das vegetative Nervensystem des Rückenmarks.

Der Individualtod eines Menschen wird gleichgesetzt mit dem Hirntod. Umgekehrt bedeutet dies, dass Selbstbewusstsein und das Ich-Gefühl als eine Funktion des Gehirns angesehen werden. Wenn keine Hirnströme mehr messbar sind, sind das Selbstbewusstsein und das Ich verschwunden. Erst dann dürfen Organe entnommen werden. Im Gegensatz dazu dürfen Embryonen auch dann abgetrieben werden, wenn Hirnströme schon messbar sind. Ein weiterer Widerspruch tut sich darin auf, dass bei einem Hirntoten Organe nur dann entnommen werden dürfen, wenn der Hirntod als irreversibel diagnostiziert wird, während Embryonen trotz stetig zunehmender Hirnfunktion abgetrieben werden dürfen.

Das was beiden gemeinsam ist, ist der Umstand, dass Hirntote und Embryonen nicht in der Lage sind, sozial zu interagieren, selbstständig zu atmen, zu denken und zu fühlen. Wenn man diese Kriterien zur Entscheidung, ob menschliches Leben bereits bzw. noch vorhanden ist, zulässt, ergibt sich das Problem, dass diese Definition auch von Neugeborenen und Erwachsenen, die unter bestimmten Krankheiten leiden, erfüllt werden.

Neugeborene beginnen unmittelbar nach der Geburt zu lernen sozial zu interagieren, selbstständig zu denken und zu fühlen. Dieser Lernprozess zieht sich über Jahre hinweg. Nach zwei Jahren ist mit der Ausprägung von Selbstbewusstsein ein erstes Lernziel erreicht.

Bei Erwachsenen, speziell bei älteren Personen, kann die Fähigkeit sozial interagieren zu können, selbstständig denken und fühlen zu können durch Krankheiten wie etwa Alzheimer teilweise bzw. vollständig verloren gehen.

Sterbehilfe – Euthanasie

Baumgartnerhöhe

Während die Tötung von werdendem menschlichen Leben straffrei gestellt wurde, ist in den meisten Ländern aktive Sterbehilfe nach wie vor strafbar [11].

Im angelsächsischen Raum, in Frankreich und in Italien werden für Sterbehilfe in der Regel Ausdrücke verwendet, die sich vom altgriechischen Wort “euthanasia” ableiten. Im deutschsprachigen Raum ist der Begriff Euthanasie durch die Ereignisse während der Nazi-Diktatur zu einem belasteten Begriff geworden. Euthanasia stand ursprünglich für “den guten”, “den leichten Tod”,  im Sinne eines schmerzfreien, schnellen und auch würdigen Todes. In Österreich wird nicht zwischen aktiver Sterbehilfe und Tötung auf Verlangen unterschieden. Beide Handlungen werden mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu 5 Jahren Haft bedroht [12].

In der Diskussion um die Sterbehilfe werden sowohl das Verbot, als auch die Erlaubnis mit der Menschenwürde begründet.

Verbot der Sterbehilfe

Eine Auffassung basiert auf der christlichen Vorstellung vom Menschen als Ebenbild Gottes. Der Mensch verfügt über eine unsterbliche Seele. Die Position der katholischen Kirche zur Sterbehilfe lautet: “Anfang und Ende des Lebens sind der Verfügung des Menschen entzogen”. Ähnliche Positionen werden auch in anderen Religionen vertreten. Die Kirche ist sich allerdings bewusst, dass am Lebensende mitunter Barmherzigkeit nötigt ist: “Der Tod darf nicht herbeigeführt, wohl aber geduldet werden.” Die in Patientenverfügungen getroffenen Entscheidung, lebensverlängernde Therapien zu unterlassen und statt dessen schmerzlindernde Medikamente und Therapien verabreicht zu bekommen, ist für die Kirche vertretbar [13].

Erlaubnis der Sterbehilfe

Für die Freigabe der Sterbehilfe spricht die Frage, warum jemand anderer, nämlich ein Arzt, besser wissen sollte, was im Interesse eines Patienten liegen soll, als die betroffene Person selbst. Warum kann ein Mensch nicht selbst bestimmen, sein Leben zu beenden, wenn es aus seiner Sicht nicht mehr menschenwürdig ist?

Ein zusätzliches Argument für die Sterbehilfe ergibt sich aus der Straffreiheit der Abtreibung. Diese wird damit begründet, dass in den ersten Wochen noch nicht von einem Menschen gesprochen werden kann.

Beim Schwangerschaftsabbruch entscheidet der Staat nicht darüber, ob und unter welchen Umständen ein Abbruch moralisch richtig oder falsch ist. Er steckt einen rechtlichen Rahmen ab, in dem ein freier, seinem Gewissen verpflichteter Entscheid möglich ist.

Warum sollte ein vergleichbarer rechtlicher Rahmen nicht auch am Lebensende legitim sein? Warum sollte ein Mensch nicht frei und seinem Gewissen verpflichtet entscheiden können, ob er sein Leben beenden möchte? Und wenn er dies nicht mehr selbst tun kann, warum sollte er nicht jemanden bitten können, ihm zu helfen? Natürlich lässt sich kein Recht auf Sterbehilfe einfordern. Niemand kann gezwungen werden, Sterbehilfe zu leisten. Ein Sterbehelfer kann nur seinem Gewissen verpflichtet handeln.

Forschung an Embryonen

In der Ethik­debatte [15] um das Embryonenschutzgesetz [14] wurde dem menschlichen Embryo – im Rückgriff auf Kants Definition [16] – eine personale Menschenwürde, also ein absolutes und unverfügbares Existenzrecht zugesprochen. Dies geschah, um ihn jeder technischen und ökonomischen Nutzung zu entziehen.

Dieses absolute und unverfügbare Existenzrecht steht allerdings im Widerspruch zur Fristenlösung. Wie lässt sich dieser Widerspruch auflösen? Bei einem Schwangerschaftsabbruch stellt der Gesetzgeber das Selbstbestimmungsrecht der Frau in den Vordergrund. Bei einem Embryo außerhalb der Gebärmutter geht es nicht um einen Konflikt zwischen einer Schwangeren und ihrer Leibesfrucht. Es geht um Interessen, die Dritte am Embryo haben.

Die rechtliche Regelung ist in Europa uneinheitlich. In der Mehrheit der EU-Länder ist die Stammzellenforschung erlaubt. In Österreich ist die Forschung an Embryonen verboten, außer die Embryonen kommen aus dem Ausland [17] [18].

Pränatale Diagnostik

Beim Hutchinson-Gilford-Syndrom (links) führt eine Mutation zu einer Deformation des Zellkerns (rechts unten). Zum Vergleich ein normaler Zellkern (rechts oben)

In Österreich ist ein Schwangerschaftsabbruch auch nach Ablauf der Fristenregelung möglich, „wenn der Schwangerschaftsabbruch zur Abwendung einer nicht anders abwendbaren ernsten Gefahr für das Leben oder eines schweren Schadens für die körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren erforderlich ist (medizinische Indikation) oder eine
ernste Gefahr besteht, dass das Kind geistig oder körperlich schwer geschädigt sein werde (embryopathische Indikation)”[19]

Auch in diesem Fall ist das absolute und unverfügbare Existenzrecht, das in der Stammzellenforschung einem Embryo noch zugesprochen wird, nicht mehr gültig. Das Existenzrecht wird weder als absolut noch als unverfügbar gesehen. Dritte entscheiden darüber, ob eine körperliche oder eine geistige Schädigung als so gravierend angesehen werden kann, dass das Leben als nicht lebenswert und daher eine Abtreibung als gerechtfertigt erscheint.

Das Dilemma lässt sich gut am Beispiel Trisomie 21 verdeutlichen. Viele Kliniken lehnen den Spätabbruch einer Schwangerschaft bei einer Trisomie 21 Diagnose ab. Dennoch entscheiden sich 90% der Eltern bei einem positiven Testergebnis für einen Schwangerschaftsabbruch. Trisomie 21 ist in der Regel keine lebensbedrohliche Krankheit. Bei der Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch treten ethische Abwägungen in den Hintergrund. Die Entscheidung erfolgt in der überwiegenden Vielzahl der Fälle aus mangelndem Wissen über alle Chancen und Risiken einer Erkrankung des Kindes.

In der medizinischen Forschung versucht man verstärkt frühzeitige Diagnosemöglichkeiten zu entwickeln. Damit könnte von den Eltern den Entscheidungsdruck in einer fortgeschrittenen Schwangerschaft zu nehmen. Die Verfügbarkeit solcher Diagnosemöglichkeiten birgt allerdings die Gefahr in sich, dass eine gesellschaftliche Haltung forciert wird, dass Eltern selbst schuld seien, wenn sie ein behindertes Kind zur Welt bringen. Damit führt Behinderung automatisch dazu, dass ein Leben als nicht lebenswert zu betrachten sei. Dass dem nicht so sein muss, zeigen von Trisomie 21 betroffene Kinder, die höhere Schulen besucht und ein Studium abgeschlossen haben.

Todesstrafe

Laut Amnesty International gilt in Bezug auf die Todesstrafe folgendes [20]:

  • 104 Staaten haben die Todesstrafe vollständig abgeschafft.
  • 7 Staaten sehen die Todesstrafe nur für außergewöhnliche Straftaten vor (Kriegsverbrechen oder Vergehen nach dem Militärrecht).
  • 30 Staaten haben die Todesstrafe in der Praxis, nicht aber im Gesetz abgeschafft.
  • 57 Staaten halten weiter an der Todesstrafe fest.

Noch Kant sieht in der Todesstrafe eine Pflicht des Staates. Kant behandelt die Begründung staatlichen Strafens auf der Grundlage des iustalionis [22]. Gleiches soll mit Gleichem vergolten werden. Dieses Prinzip ist allerdings nicht immer praktikabel. Soll man einen Vergewaltiger zur Strafe vergewaltigen oder soll man einen Sadisten zur Strafe foltern? Die Umsetzung dieses Prinzips untergräbt die moralische Autorität des Staates. Ein Staat, der tötet und foltert, ahmt das Böse nach, kann selber nicht mehr als moralisches Vorbild dienen.

Ein zusätzlicher Aspekt ist die Irreversibilität der Todesstrafe. Im Falle eines Fehlurteils gibt es keine Möglichkeit, den Gerichtsentscheid zu revidieren bzw. einer Wiedergutmachung.

Inzwischen haben 156 Staaten die Menschenrechtskonvention unterzeichnet. Im Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ist eindeutig festgehalten, dass “jeder das Recht auf Leben hat” [21], [23]. Die Würde jedes Menschen ist unantastbar, auch jener, die außerordentliche Verbrechen begangen haben.

Fazit

In der gegenwärtigen Rechtssprechung wird menschliches Leben unterschiedlich gewertet. Während im Bereich der Stammzellenforschung einem werdenden Menschen ein absolutes und unverfügbares Existenzrecht zugesprochen wird, wird im Falle eines Schwangerschaftsabbruchs die körperliche und psychische Gesundheit, sowie soziales Wohlbefinden oder das Recht auf freie Entfaltung und Selbstbestimmung der werdenden Mutter höher gewertet, als das des werdenden Menschen.

Auch im Fall der Pränataldiagnostik gilt das absolute und unverfügbare Existenzrecht nicht uneingeschränkt. Unter bestimmten Umständen ist ein später Schwangerschaftsabbruch möglich.

Im Fall der Sterbehilfe tritt wiederum das absolute und unverfügbare Existenzrecht in den Vordergrund. Sterbehilfe wird in Österreich mit einer Freiheitsstrafe bedroht. Der betroffene Patient darf über sein Leben nicht frei entscheiden.

Diese uneinheitliche Wertung menschlichen Lebens ist wohl dem Umstand geschuldet, dass die Problemlage sehr komplex ist.

Links

[1] Menschenwürde

[2] Artikel 1 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland

[3] Die demokratische Grundordnung Österreichs

[4] Tötungsdelikt

[5] Delikte gegen Leib und Leben

[6] Gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs in Österreich

[7] Auf dem Weg zum Ich: Selbstwahrnehmung und Ich-Entwicklung

[8] Sterben

[9] Wie tot ist ein hirntoter Mensch?

[10] Stammzellenforschung und Ethik

[11] Sterbehilfe und Euthanasie

[12] Sterbehilfe – Rechtslage in Österreich

[13] Katholische Kirche lehnt Sterbehilfe deutlich ab

[14] Embryonenschutzgesetz

[15] Ethik

[16] Immanuel Kant

[17] Embryonenschutz – die europäische Dimension

[18] Stammzellenforschung in Österreich

[19] Pränataldiagnostik

[20] Fakten und Zahlen zur Todesstrafe

[21] Todesstrafe – Ethisch vertretbar oder nicht?

[22] Todesstrafe

[23] Die Vereinten Nationen und die Erklärung der Menschenrechte

 

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