Brüssel 2/22

In Brüssel hat sich wiederholt, was sich in ähnlicher Weise bereits am 13.11.2015 in Paris ereignet hat. Selbstmordattentäter haben bei Anschlägen auf dem Brüsseler Flughafen und in der U-Bahn über 30 Menschen getötet. Rund 300 Menschen wurden verletzt.

Die erste Reaktion war Fassungslosigkeit, dann Zorn und zuletzt Trotz: wir fürchten uns nicht!

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In diesem Beitrag gehen wir folgenden Fragen nach:

  • Warum, wie kann es zu Taten wie diesen kommen?
  • Was treibt Menschen an, sich und möglichst viele Unschuldige in die Luft zu sprengen?
  • Wie gehen wir damit um?

Die politische Interpretation

Zu allererst drängt sich natürlich auf, die Geschehnisse vor ihrem politischen Hintergrund zu interpretieren.

Afghanistan

Die Invasion Afghanistans durch die Rote Armee war die Geburtsstunde der Taliban. Der Versuch, den Einfluss der Sowjetunion zu begrenzen, veranlasste die USA islamische Widerstandsämpfer in Pakistan, unter ihnen auch die Taliban, zu unterstützen. 1996 nahmen diese die Haupstadt Kabul ein und errichteten das islamische Emirat Afghanistan. 2001 wurde die Regierung der Taliban im Rahmen der US-geführten Intervention in Afghanistan gestürzt. Seit 2003 führen die Taliban ausgehend von Pakistan eine terroristisch-militärische Kampagne gegen die demokratische Islamische Republik Afghanistan.

Unter den von den USA geförderten Islamisten war auch Osama bin Laden, der mit seiner Terrororganisation al-Kaida neben vielen anderen auch für die Anschläge auf das World Trade Center verantwortlich ist.

Irak

Von al-Kaida spaltet sich 2013 im Irak eine terroristisch agierende sunnitische Miliz ab, die sich als Islamischer Staat (IS) bezeichnet. Sie hat ihre Wurzeln im Widerstand gegen die Besetzung des Irak durch die USA. Im Gegensatz zu al-Kaida ist der Islamische Staat eine von ehemaligen Angehörigen der Armee Saddam Husseins straff organisierte und geführte Organisation, die äußerste Brutalität ganz gezielt inszeniert und als Waffe einsetzt.

Der IS finanziert seine Aktivitäten aus dem Verkauf von Öl, durch Raub, Erpressung nach Entführung und Spenden reicher Gönner, vor allem aus Saudi-Arabien und Katar.

Syrien

Im Zuge des arabischen Frühlings kommt es auch in Syrien zu einem Aufstand gegen das Regime von Baschar al-Assad. Dieser interne Konfikt eskaliert sehr rasch zu einem internationalen Stellvertreterkrieg zwischen der sunnitischen Türkei und dem wahhabitischen Saudi-Arabien auf der einen Seite und dem alawitischen syrischen Regime und dem schiitischen Iran auf der anderen Seite. Der Zusammenbruch der staatlichen Autorität in Syrien ermöglicht es dem IS auch in Syrien Fuß zu fassen und größere Gebiete unter seine Kontrolle zu bringen.

Allen drei Staaten ist gemeinsam, dass sie durch Interventionen von außen zu failed States wurde. Das durch das Fehlen einer staatlichen Autorität entstandene Machtvakuum wurde sehr rasch von terroristischen Organisationen gefüllt.

Die psychologische Interpretation

Die politischen Aspekte erklären zwar, warum in bestimmten Ländern Rahmenbedingungen bestehen, die das Entstehen von Terrororganisation begünstigen.

Es bleiben aber immer noch offene Fragen, wenn man den Blick nicht auf die Organisation als Ganzes, sondern auf ihre einzelnen Mitglieder richtet.

Was bewegt einen Menschen, sich und andere Menschen in die Luft zu sprengen?

Wie entseelt, wie entmenschlicht muss ein Mensch sein, wenn er sein Selbstwertgefühl daraus beziehen muss, möglichst viele Menschen und sich selbst umzubringen?

Für Gottes Lohn?

Wie naiv oder besser, wie dumm muss ein Mensch sein, wenn er meint, dadurch dass er Menschen ermordet zum Märtyrer zu werden? Was sollte am Töten von Menschen gottgefälig sein?

Was sagt es über einen Menschen aus, wenn er zum Märtyrer werden möchte, weil ihm versprochen wird, dass im Paradies 72 Jungfrauen auf ihn warten? Das hemmungslose Ausleben des Geschlechtstriebes als Belohnung für die Ermordung von Menschen?  Welches Frauenbild haben diese Menschen, wenn Frauen für sie nichts anderes als stets verfügbare Lustobjekte sind?

Welches Menschenbild tut sich da insgesamt auf? “Ungläubige” als Mittel zum Zweck, Frauen als Mittel zur Befriedigung triebgesteuerter Männer? Dies soll die Vorstellung von Paradies sein?

Angst als Antrieb?

Wovor haben diese religiösen Fundamentalisten Angst? Warum tun sie sich so schwer in einer offenen Gesellschaft zu leben? Warum vermeinen sie, alle Lebensbereiche ihren dogmatischen Vorstellungen unterordnen zu müssen?

Wenn Menschen vermeintlich gegen religiöse Ge- bzw. Verbote verstoßen, warum meinen religiöse Eiferer, jene zur Rechenschaft ziehen zu müssen? Warum können sie dies nicht jenem überlassen, der dafür zuständig ist? Warum maßen sie sich an, sich als Richter aufspielen zu können, im Namen Gottes urteilen und richten zu können? Woher kommt dieses unendlich große Geltungsbefürfnis? Dieser Drang, groß und allmächtig sein zu können? Wie klein muss jemand sein, der solche Allmachtsfantasien entwickelt? Wie eitel, selbstgerecht und selbstgefällig muss jemand sein, wenn er meint, den Willen Gottes zu kennen und in seinem Namen Recht sprechen zu können?

Von welchen Ängsten werden diese religiösen Eiferer getrieben? Was drängt sie dazu, so martialisch aufzutreten? Warum müssen sie alles ihrer Kontrolle unterwerfen? Warum können sie keine anderen Ordnungen keine anderen Wertvorstellungen neben den ihren bestehen lassen? Welch schwache, verängstigte Kreaturen müssen sie sein, wenn sie die Angst vor Kontrollverlust zu derartiger Unmenschlichkeit bis hin zur Barbarei greifen läßt?

Sinnfrage?

Besonders verstörend wirken jene auf uns, die in einer offenen Gesellschaft leben und eine mehr oder weniger gesicherte Existenz aufgeben um in den Jihad zu ziehen. Was treibt sie an? Das Gefühl der Sinnlosigkeit ihres gutbürgerlichen Lebens?  Wie kann ein Leben als Jihadist, als Mörder sinnerfüllend sein? Welch verkehrte Vorstellung vom Sinn des Lebens?

Ist das Böse einfach nur banal?

Hannah Arendt beschreibt Adolf Eichmann den Leiter für die Vertreibung und Deportation der Juden im Reichssicherheitshauptamt als einen „Hanswurst“, „schier gedankenlos“, „realitätsfern“ und ohne Fantasie, dem man „beim besten Willen keine teuflisch-dämonische Tiefe abgewinnen“ könne. Die Lektion des Prozesses gegen Adolf Eichmann sei, dass ein solch unspektakulärer Mensch derart viel Unheil angerichtet habe.

Arendts Schilderung des von Eichmann verkörperten Verbrechertypus zeigte, dass Eichmann von einer „Ideologie der Sachlichkeit“ durchdrungen war, welche die vollständige Zerstörung jeglichen Urteilsvermögens, jeglichen lebendigen Denkens meinte. Und diese Zerstörung des Denkens steht im Zentrum der Arendt’schen Überlegungen. Eichmann ist durchdrungen von der Vorstellung den “Willen des Führers” zu verwirklichen. Diese Vorstellung wird zum leitenden Motiv bei der Realisierung seines Vernichtungsprojektes. Eichmann ist überdurchschnittlich gebildet, zeigt Initiativkraft und Begeisterung für die Arbeit.

Im Zusammenhang mit Eichmann spricht Arendt von der Verlassenheit des Menschen.

Verlassenheit entsteht, wenn aus irgendwelchen Gründen ein Mensch hinausgestoßen wird oder diese gemeinsam bewohnte Welt auseinander bricht und die miteinander verbundenen Menschen plötzlich auf sich selbst zurückwirft. In der Verlassenheit sind Menschen wirklich allein, nämlich verlassen nicht nur von anderen Menschen und der Welt, sondern auch von dem Selbst, das zugleich jeder Mensch in der Einsamkeit sein kann. So sind Verlassene auch unfähig, Einsamkeit zu wählen, sie können nicht mehr die eigene, von den anderen nicht mehr bestätigte, Identität mit sich selbst aufrechterhalten. In dieser Verlassenheit gehen Selbst und Welt zugleich zugrunde. An der Wirklichkeit, die keiner mehr verlässlich bestätigt, beginnt der Verlassene mit Recht zu zweifeln. Denn diese Welt bietet Sicherheit nur, insofern sie uns von anderen mit garantiert ist (Hannah Arendt).

Was moderne Menschen so leicht in das totalitäre Denken bringt, ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit. Es ist, als breche alles, was Menschen miteinander verbindet, zusammen, so dass jeder von jedem verlassen und auf nichts mehr Verlass ist.

Ist es diese Verlassenheit von der Hannah Arendt spricht, die heutige Gotteskrieger mit Adolf Eichmann gemeinsam haben? Jeder dieser Jihadisten ist für sich betrachtet ein „Hanswurst“, „schier gedankenlos“, „realitätsfern“ und ohne Fantasie, dennoch gleicht ihr Tun jenem Eichmanns.

Wie gehen wir damit um?

Der rationale Ansatz

Im Jahr 2015 sind allein in Österreich 475 Menschen bei Verhekrsunfällen ums Leben gekommen. In der gesamten EU liegt die Zahl der Opfer bei 25.700.

Die Zahl derer, die seit dem Anschlag auf das World Trade Center im Jahr 2001 bei islamistischen Terroranschlägen in Westeuropa ums Leben gekommen sind, liegt bei 450.

Die Zahl der Verkehrstoten in Westeuropa beträgt im Zeitraum 2001-2016 also das 860-fache der Zahl der Opfer islamistischen Terrors. Warum empfinden wir dann Terroranschläge als eine existentielle Bedrohung unserer Gesellschaft, während der Straßenverkehr von kaum jemandem als bedrohlich empfunden bzw. wahrgenommen wird?

Wir glauben, im Straßenverkehr Einfluss auf unser “Schicksal” nehmen zu können, dem Terror fühlen wir uns ausgeliefert. Durch unser eigenes, vorsichtiges, dem Straßenverkehr angemessenes Verhalten glauben wir, dem Straßenverkehr seinen Schrecken nehmen zu können. Dennoch beiben wir fremdbestimmt. Denn immer gibt es andere, die Unfälle verursachen, egal wie aufmerksam und vorsichtig wir selbst uns verhalten.

Die Schlussfolgerung kann nur lauten: es ist 860 Mal wahrscheinlicher bei einem Verkehrsunfall als bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen. Wenn wir weiter achtsam, aber ohne Furcht am Straßenverkehr teilnehmen können, dann können wir auch achtsam, aber mit weit geringerer Furcht unseren gewohnten Alltag leben. Es gibt keinen rationalen Grund sich vor Terror zu fürchten.

Der politische Ansatz

Die wichtigsten Werte unserer Gesellschaft sind Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Je mehr diese Werte von außen, aber auch von innen bedroht werden, desto stärker und beharrlicher müssen wir an ihnen festhalten.

Die Bedrohung von außen kommt zur Zeit von den Kämpfern des IS. Das Konzept des IS, Anschläge auf weiche Ziele zu verüben müssen wir als Zeichen der Schwäche sehen. Eine Organisation, die es nötig hat, ihren “Kampf” über weiche Ziele zu führen, tut dies nicht aus einer Position der Stärke heraus. Sie tut dies aus einer Postion der Schwäche, weil ihr wegen ihrer Schwäche nichts anderes übrig bleibt, als die schwächsten Teile einer Gesellschaft zu attakieren. Zu einem direkten Kampf gegen ihren “Gegner” sind sie nicht fähig.

Die Bedrohung von innen ist weit gefährlicher als es die Terroristen je sein können. Diese Bedrohung kommt in einer unheiligen Allianz von den Medien und Politik daher. Von den Medien werden die jeweiligen Anschläge in der Phantasie der Medienkonsumenten zur monströsen Bedrohung vergrößert. Von den Regierenden wird uns dann versprochen, dieser Bedrohung durch Ausweitung der Überwachung oder durch Einschränkung unserer Freiheitsrechte zu begegnen. Diese Maßnahmen sind jedoch für unsere Gesellschaft weit bedrohlicher als es die Bomben der Terroristen je sein können.

Fazit

Eines scheint festzustehen: Menschen, die Dinge tun, wie sie in Brüssel, aber auch in Paris, London, Madrid, New York, Istanbul, Mumbay, etc. geschehen sind, wie sie von Angehörigen des IS in Syrien und im Irak begangen werden, solche Menschen lassen sich nicht von polizeilichen Maßnahmen abhalten weitere Anschläge zu verüben.

Wir werden uns mit dem Gedanken vertraut machen müssen, dass wir mit dem Terror werden leben müssen. Es wird zu weiteren Anschlägen kommen. Wir haben Grund besorgt zu sein, aber Sorge oder Angst dürfen uns nicht dazu bringen, unsere Wertvorstellungen aufzugeben. Wir müssen am Konzept der offenen Gesellschaft festhalten. Tun wir dies nicht, haben die Terrorristen ihr Ziel erreicht. Unser Festhalten an unseren Werten bedeutet letztlich deren Scheitern.

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