Fetisch Wettbewerb

Zwei “W”s prägen das heutige gesellschaftliche und politische Klima.:  Wachstum und Wettbewerb. Die Voraussetzung für das Funktionieren unseres Wirtschaftssystems ist Wachstum. Seit Mitte der 80-er Jahre ist in den hoch entwickelten Industrienationen das erste der beiden “W”s, das Wachstum, unter die magische Grenze von 3 Prozent gerutscht. Damit ist das zweite “W” in den Vordergrund gerückt: Wettbewerb bzw. Wettbewerbsfähigkeit.

Ohne Wettbewerb kein Wachstum?

Als wirtschaftspolitisches Credo gilt seit der Mitte der 80-er Jahre des vorigen Jahrhunderts, dass Wettbewerb bzw. Wettbewerbsfähigkeit die unabdingbaren Voraussetzungen für eine wachsende und damit prosperierende Wirtschaft seien. Wettbewerb gilt als der zentrale Antrieb für den freien Markt in dem die Marktteilnehmer um Kunden, Marktanteile, Absätze, Ressourcen etc. rivalisieren.

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Wettbewerb auf unterschiedlichen Ebenen

Den Wettbewerb als solchen gibt es nicht, Wettbewerb findet auf unterschiedlichen Ebenen statt:

  • Wettbewerb zwischen Individuen,
  • Wettbewerb zwischen Unternehmen,
  • Wettbewerb zwischen Regionen bzw. Staaten
Wettbewerb zwischen INdividuen

Wenn Personen miteinander in Wettbewerb stehen, dann mündet dieser Wettbewerb langfristig in eine Lose-Lose- oder in eine The winner takes it all-Situation. Ein anfänglicher Vorteil für Kontrahent A spornt Kontrahent B an, den Vorteil seines Gegners mindestens auszugleichen, wenn nicht gar zu übertreffen. Ist es Kontrahent B gelungen, sich einen Vorteil zu verschaffen, sieht sich wiederum Kontrahent A gezwungen, seinen Nachteil zu kompensieren. Ist es anfangs für jeden Kontrahenten noch relativ leicht, sich einen Vorteil zu verschaffen, wird mit jeder Drehung der Eskalationsspirale der Aufwand immer größer. Dieser Teufelskreis kommt letztlich nur durch Ermattung der Kontrahenten zum Stillstand (Lose-Lose-Situation) bzw. dadurch, dass einer der Kontrahenten das Handtuch wirft (The winnner takes it all-Situation).

Der Verlust für alle Teilnehmer in diesem ‘Spiel’ besteht in dem hohen Aufwand an Ressourcen und Energie, der für die Erlangung bzw. Absicherung eines Vorteils aufgewendet werden muss. Machen wir uns dies an folgendem Beispiel klar:

Spätestens beim Eintritt in das Berufsleben geraten Individuen in eine Wettbewerbssituation. Als wesentliche Voraussetzung für einen guten Einstieg gilt eine möglichst gute Berufsausbildung. Um die Berufsaussichten ihrer Kinder zu verbessern haben Eltern damit begonnen, ihren Kindern Auslandsaufenthalte während der Schul- bzw. Universitätszeit zu finanzieren. Waren es anfänglich nur einige Eltern, die ihren Sprösslingen diese Möglichkeit boten, ist eine Auslandserfahrung heute im Grunde obligatorisch. Aus einem Vorteil für einige wenige wurde eine Notwendigkeit und damit verbunden ein finanzielle Belastung für alle.

Ein Vorteil für wenige hat sich in einen Nachteil für alle verkehrt.

Ähnlich verhält es sich mit der Vorstellung, durch eine möglichst gute und umfangreiche Ausbildung auf dem Arbeitsmarkt einen Startvorteil im Wettbewerb um einen guten Job zu haben. Solange einige wenige diese Strategie verfolgen, haben diese Wenigen damit Erfolg. Verfolgen allerdings alle Arbeitsuchenden diese Strategie, hat niemand mehr einen Vorteil, alle aber den zusätzlichen Aufwand eines umfangreicheren, länger dauernden und damit teureren Bildungsweges. Die Auswirkung dieses Effekts zeigt sich z.B. daran, dass heute in Jobs, für die früher der Abschluss an einer Handelsschule ausreichend war, Absolventen von Handelsakademien, zum Teil auch schon Absolventen mit Universitätsabschluss eingesetzt werden. In vielen anderen Berufszweigen drängen immer mehr überqualifizierte Bewerber auf den Arbeitsmarkt, mit dem Effekt, dass die Anforderungen an die Qualifikation der Arbeitssuchenden steigen, während dies auf die Gehälter nicht zutrifft.

Wieder hat sich ein Vorteil für wenige in einen Nachteil für alle umgekehrt.

Auf universitärer Ebene wurde 1999 im Zuge des Bologna-Prozesses in mittlerweile 45 Staaten eine Vereinheitlichung der Studiengänge beschlossen und auch umgesetzt [1]. Ziel dieses Prozesses war eine Förderung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und der Beschäftigungsmöglichkeiten von Studierenden. Studenten sollten nicht mehr so lange studieren, sondern bereits nach drei Jahren mit dem Bachelor in den Arbeitsmarkt einsteigen können. Nicht ganz 20 Jahre später hat sich gezeigt, dass das ,was als Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit gedacht war, sich in in ihr Gegenteil verkehrt hat. Studierende haben heute auf dem Arbeitsmarkt weitgehend nur dann eine Chance, wenn sie ihr Studium mit dem Master abschließen, also um mindestens 2 Jahre länger studieren.

Wieder hat sich ein gedachter Vorteil für wenige in einen Nachteil für alle umgekehrt.

Wettbewerb zwischen Unternehmen
Das hohe Lied des Wettbewerbs

Unternehmen sind wettbewerbsfähig, wenn sie auf dem Markt überleben [2]. Das Überleben ist dann gesichert, wenn eine Firma mindestens ihre Kosten decken kann. Die Wettbewerbsfähigkeit kann dadurch erhöht werden, dass ein Unternehmen einen Technologievorsprung besitzt, über eine breite Produktpalette verfügt oder geringe Produktionskosten aufweist.

Der Wettbewerb zwischen Unteren folgt dem selben Muster wie jener zwischen Individuen. Um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, müssen Unternehmen permanent versuchen, einen vorhandenen Technologievorsprung zu erhalten bzw. auszubauen. Ähnliches gilt für die Produktpalette und die Kostenstruktur einer Firma.

Möchte z.B. ein im Wettbewerb stehender Automobilhersteller wettbewerbsfähig bleiben, kann er die Qualität seiner Fahrzeuge verbessern, sei es durch Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit oder durch Verbesserung der Ausstattung. Der Preis kann dabei nur bedingt an die erhöhte Qualität angepasst werden. Die Entwicklung auf dem Automobilmarkt zeigt, dass die Hersteller immer bessere Autos zu gleichen oder sogar niedrigeren Preisen verkaufen [3]. Diese Entwicklung ist nur durch eine entsprechende Steigerung der Produktivität möglich und dies bedeutet eine konsequente Automatisierung der Produktion.

Ein stetiger Ausbau der Automatisierung bedeutet, dass mit immer weniger Personal immer größere Mengen produziert werden können. Das, was für ein Unternehmen von Vorteil ist, wird für jene zum Nachteil, die auf eine Erwerbstätigkeit angewiesen sind. Automatisierung erzeugt einen Druck auf den Arbeitsmarkt. Arbeitnehmer werden zunehmend in die Arbeitslosigkeit, in Teilzeit oder in die Scheinselbständigkeit gedrängt. Mit negativen Auswirkungen für die Betroffenen selbst, aber auch für die öffentlichen Haushalte. Einerseits steigt die Zahl der Arbeitslosen, andererseits bleiben die Realeinkommen hinter der Entwicklung der Lebenshaltungskosten zurück. Das kapitalistische, auf Wettbewerb basierende System der Marktwirtschaft führt langfristig zwingend zur Verarmung eines Großteils der Gesellschaft [4].

Wenn Teilnehmer des freien Marktes den Wettbewerb scheuen

Den Apologeten des freien Marktes gilt Wettbewerb als die wichtigste Triebfeder der wirtschaftlichen Entwicklung. Da ist es doch verwunderlich, dass die größten Marktteilnehmer durch die Bildung von Kartellen und durch Preisabsprachen versuchen, sich dem Wettbewerb zu entziehen. Gerade jene, die vom Wettbewerb am meisten profitieren sollten, suchen Wege, den Wettbewerb auszuschalten. Nicht Firmen sind die obersten Wettbewerbshüter, sondern Regierungen und die EU-Komission in Brüssel.

Bedeutet dies, dass Wettbewerb nicht den Unternehmen, sondern den Konsumenten nützt? Nein, nicht notwendiger Weise. Die Massentierhaltung zeigt dies exemplarisch. Wettbewerb führt zu stetig sinkenden Fleischpreisen. Allerdings sinkt mit dem Preis auch die Qualität des Fleisches, ganz abgesehen von der ethischen Problematik einer vollautomatisierten Fleischproduktion. Alle Teilnehmer in diesem Markt verlieren. Die Unternehmen, die Konsumenten und die Tiere sowieso.

Wettbewerb zwischen Regionen bzw. Staaten

Auf nationaler Ebene wird Wettbewerb als Mittel gesehen, ein hohes Nationaleinkommen und einen hohen Lebensstandard zu erzielen bzw. zu sichern. Die Vorstellung, dass der Markt alles regle, führte in den letzten Jahrzehnten zu einer Politik der Deregulierung, Privatisierung, Liberalisierung und Globalisierung, Das Mantra der internationalen Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft ließ Staaten u. a. in einen Steuerwettbewerb eintreten, der dazu führte, dass die Sätze für die Körperschaftssteuer drastisch sanken. Zur Kompensation der dem Staat dadurch entgangenen Einkünfte gibt es nur zwei Optionen: Kürzung von Ausgaben oder Äbwälzen von Abgaben auf andere Steuerpflichtige. In beiden Fällen geht die Finanzierung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit zu Lasten derer, die am wenigsten davon profitieren [5].

Die großen Player auf dem Markt haben es verstanden, das Prinzip Wettbewerb zu ihren Gunsten und zu Lasten ihrer Arbeitnehmer und zu Lasten von Volkswirtschaften zu nutzen.

Arbeitnehmer werden von großen Firmen in einen internationalen Wettbewerb um ihre Arbeitsplätze gedrängt. Unter dem Eindruck des über dem Arbeitsmarkt schwebenden Damoklesschwertes der Auslagerung von Produktionen wurde der Sozialabbau vorangetrieben.

Auf der anderen Seite haben große Firmen die Möglichkeiten der Liberalisierung und Deregulierung genutzt, Steuer schonende Konstruktionen zu schaffen. Wettbewerb führt also zu einem Abbau von Arbeitsplätzen und zu einem Abfluss von Steuermitteln.

Das Gegenmodell zum Wettbewerb: Kooperation

Wettbewerb heißt Optimierung, nicht Entwicklung

Wer in einem Wettbewerb überleben möchte, ist gezwungen, sein Geschäftsmodell stetig zu optimieren. Damit führt Wettbewerb zu Spezialisierung und damit zur Verengung von Potenzialen. Optimale Anpassung an spezifische Marktsituationen führt, wie etwa auch die optimale Anpassung an bestimmte Lebensräume in der Biologie, zu einem Wettbewerbsnachteil, wenn sich die Marktsituation durch äußere Umstände ändert. Als Beispiel mag hier IBM angeführt werden, das in den 60-er, 70-er Jahren des vorigen Jahrhunderts unumstrittener Marktführer in der IT-Branche war. IBM hat sich auf die damals vorherrschende Technik von Großrechenanlagen spezialisiert und hat es nicht geschafft, sich an die in den 80-er Jahren beginnende Umstrukturierung der IT-Landschaft in Richtung personal Computing anzupassen. Zwar hat IBM mit dem IBM-PC noch für den letzten Entwicklungsschub des Bereichs personal Computing gesorgt, spielt in diesem Bereich aber längst keine Rolle mehr. Der ehemalige IT-Riese IBM ist zu einem Hersteller von Nischenprodukten geworden.

Kooperation als Wettbewerbsvorteil

Der Mensch ist aus biologischer Sicht alles andere als optimal an einen spezifischen Lebensraum angepasst. Dennoch hat die Spezies Mensch den Planeten weit mehr als jede andere Spezies geprägt. Der größte Überlebensvorteil des Spezies Mensch ist seine Fähigkeit zur Kooperation. Kooperation ist eine elementare Voraussetzung für Entwicklung. Kooperation bedeutet zunächst einmal Arbeitsteilung. Erst mit der Einführung der Arbeitsteilung beginnt die Zivilisierung des Menschen Fahrt aufzunehmen. Der Umstand, sich nicht mit allen lebenswichtigen Notwendigkeiten befassen zu müssen, schaft Freiraum, sich mit anderen Dingen beschäftigen zu können.

Kooperation führt zu Fortschritt und Entwicklung, nicht zu Spezialisierung. Erst der Wettbewerb schafft die Notwendigkeit zur Optimierung. Kooperation ist der konstruktive, Wettbewerb der destruktive Antrieb in der Entwicklung einer Gesellschaft. Angesichts dieser Erkenntnis erscheint es verwunderlich, wie es möglich ist, dass Wettbewerb zum Credo modernen Wirtschaftens werden konnte. Die Lebensumstände von Menschen haben sich immer dann verbessert, wenn sie kooperierten, niemals dadurch, dass sie konkurierten. Kurzfristig verspricht Wettbewerb Erfolg, langfristig wird Wettbewerb zum Nachteil beinahe aller Marktteilnehmer.

Links

[1] Das Bachelor- und Masterstudium in Österreich.

[2] Wettbewerbsfähigkeit von Firmen, Regionen und Ländern

[3] So teuer sind Neuwagen gar nicht geworden

[4] Kapitalismus: Überfluss produziert Armut

[5] Internationaler Steuerwettbewerb als Gefangenendilemma

 

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