Mogelpackung Religion

Schienen im 20. Jahrhundert Religionen in weiten Teilen der Welt zurückgedrängt zu sein, scheinen sie zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor einem Revival zu stehen. Ein Blick zurück zeigt uns, wie sehr Religionen seit jeher Gesellschaften geformt und den Gang der Geschichte beeinflusst haben. Was ist es, das Religion so wichtig für Menschen macht?

Die Situation im 20. Jahrhundert

Das 20. Jahrhundert ist geprägt von einem Fortschreiten der Säkularisierung und der Zurückdrängung der Religion. Gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa noch Monarchen, die ihr Amt als von Gottes Gnaden gegeben angesehen haben, hat sich die Situation in der Folge der zwei Weltkriege dramatisch verändert.

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Nach dem ersten Weltkrieg kommt es zum Sturz der Monarchen in Deutschland, Österreich, Italien, Spanien, Russland und China. Während sich Deutschland, Österreich, Italien und Spanien zu faschistischen Diktaturen wandeln, entwickelt sich Russland zur Union der sozialistischen Sowjetrepublik (UdSSR) und China wird zur Volksrepublik China.

All diesen Systemen ist gemeinsam, dass sie versuchen, Religion aus dem gesellschaftlichen Alltag zu verdrängen.

Die Rückkehr der Religionen

Im ausklingenden 20. Jahrhundert beginnt sich das gesellschaftliche Klima zu ändern. Die folgende Liste führt beispielhaft Länder an, in denen sich in den letzten Jahren ein deutliche Verschiebung der Akzente in Richtung Religion ergeben hat.

  • Algerien: Fortschreitende Islamisierung seit dem Unabhängigkeitskrieg.
  • Ägypten: Seit 1971 eine Präsidialrepublik, seit 1980 ein islamischer Staat mit der Scharia als Hauptquelle der Gesetzgebung.
  • Brasilien: Eine Religionsgemeinschaft pro Stunde wird gegründet.
  • Irak: 1979 – 2003 Diktatur unter Saddam Hussein, danach Bürgerkrieg und entstehen des IS.
  • Iran: islamischer Staat seit 1979.
  • Libanon: 1970-er Jahre Bürgerkrieg zwischen christlichen und muslimischen Milizen.
  • Lybien: Volksrepublik seit 1977, Aufstand und Bürgerkrieg 2011.
  • Polen: PIS – klerikal nationalistische Politik.
  • Türkei: 1919 Reform unter Atatürk, islamisch-konservative AKP Regierung unter Erdogan.
  • USA: Unverhältnismäßig großer Einfluss des religiösen Flügels auf die Politik in den USA.

Ist dem Menschen Erkenntnisgewinn möglich?

Plato: Höhlengleichnis

In seinem siebten Buch im Dialog Politeia lässt Plato seinen Lehrer Sokrates in seinem Höhlengleichnis [17] eine unterirdische, höhlenartige Behausung beschreiben. Von dieser führt ein breiter Gang zum Höhlenausgang. In der Höhle leben Menschen, die ihr gesamtes Leben dort als Gefangene verbracht haben. Sie sind in der Höhle so festgebunden, dass sie immer nur auf die Höhlenwand, nicht aber zum Höhlenausgang blicken können.  Daher wissen sie nichts von dessen Existenz, auch nichts davon, dass es noch andere Gefangene gibt. Auch sich selbst können sie nicht sehen. Das Einzige, das sie sehen können, ist die Höhlenwand. Erleuchtet wird die Höhle von einem Feuer, das weit außerhalb der Höhle brennt. Die Gefangenen sehen nur sein Licht, nicht aber dessen Quelle.

Zwischen dem Inneren des Gefängnisses und den Gefangenen tragen Menschen Gegenstände hin und her, Nachbildungen von Menschen und anderer Lebewesen. Die Gefangenen nehmen nicht die unterschiedlichen Gegenstände wahr, sondern sehen nur deren Schatten auf der Höhlenwand. Sie betrachten die Schatten als Lebewesen und deuten alles, was geschieht, als deren Handlungen. Das, was sich auf der Wand abspielt, ist für sie die gesamte Wirklichkeit und schlechthin wahr. Sie entwickeln eine Wissenschaft von den Schatten und versuchen in deren Auftreten und Bewegungen Gesetzmäßigkeiten festzustellen und daraus Prognosen abzuleiten. Lob und Ehre spenden sie dem, der die besten Voraussagen macht.

Der Mensch ist Gefangener seiner Sinne. Er nimmt die Welt nur als Abbild seiner Sinne wahr. Er kann sie nicht vollständig wahrnehmen bzw. erfahren. Die Wahrnehmung ist immer fragmentarisch.

Wie wirklich ist die Welt?

Immanuel Kant

Es sind nicht nur unsere Sinne, die unsere Wahrnehmung der Welt begrenzen. Es ist auch die Art und Weise, wie die von den Sinnen gelieferten Daten verarbeitet werden. Zur Extraktion der in diesen Daten enthaltenen Information müssen unserem Erkenntnisapparat Verfahren zur Verfügung stehen, die nicht erst erlernt werden müssen. Kant nennt sie Aprioris  [18]. Diese Aprioris ermöglichen es dem Menschen Urteile zu fällen ohne über Erfahrungen zu verfügen. Sie sind Bedingungen der Erfahrung. Mit diesen Aprioris meint Kant die Kategorien [19] oder die Strukturen von Raum und Zeit. Sie sind unserem Denken zugrunde gelegt. Die Erkenntnis baut auf ihnen auf.

Die Rückseite des Spiegels oder: Woher weiß ich, was ich weiß?

Konrad Lorenz

Während für Immanuel Kant die Kategorien und Strukturen von Raum und Zeit vorgegeben sind, ist für Konrad Lorenz das menschliche Erkenntnisvermögen durch genetische und zivilisatorische Einflüsse geprägt. “Unsere vor jeder individuellen Erfahrung festliegenden Anschauungsformen und Kategorien passen aus ganz denselben Gründen auf die Außenwelt, aus denen der Huf des Pferdes schon vor seiner Geburt auf den Steppenboden, die Flosse des Fisches, schon ehe er dem Ei entschlüpft, ins Wasser passt.

 

Rupert Riedl

Der Zoologe Rupert Riedel geht noch weiter [20]. Für ihn ist die reale Welt nicht ein Produkt unserer Einbildungskraft, sondern unser Denkapparat ist eine Konsequenz der Ordnung unserer Welt. Die Denkordnung müsse eine Nachbildung der Naturordnung sein, und hinter den realen Strukturen und unseren Erkenntnisstrukturen seien isomorphe Prinzipien zu erwarten, deren Ursachen in der Evolution zu suchen seien. So wie das Auge die optischen Gesetze der Physik widerspiegle, spiegelt unser Denkapparat die Struktur der realen Welt wider. Dieser Erkenntnisapparat eigne sich jedoch nicht zu einer kompletten Abbildung der “Welt an sich”, weil das Gehirn im Laufe der Evolution nur auf die Abbildung bestimmter Strukturen der realen Welt selektiert worden sei, und zwar auf solche, deren Erkenntnis im Bereich des “Mesokosmos” eine arterhaltende Bedeutung gehabt habe. Trotzdem sei diese Erkenntnis, auch bei primitiveren Organismen, immer die Abbildung bestimmter Ausschnitte aus der realen Welt.

Erkenntnisgewinn durch Falsifikation

Sir Karl Popper

In seinem Kritischen Rationalismus setzt sich Sir Karl Popper mit der Frage auseinander, wie wissenschaftliche oder gesellschaftliche (aber prinzipiell auch alltägliche) Probleme undogmatisch, methodisch und rational untersucht und geklärt werden können. Dabei sucht er nach einem Ausweg aus der Wahl zwischen Wissenschaftsgläubigkeit und der Auffassung, dass wissenschaftliches Wissen auf positiven Befunden aufbauen muss auf der einen Seite, sowie andererseits dem Standpunkt, dass Wahrheit vom Blickwinkel abhängig ist und dass Wissen der Willkür preisgegeben ist, wenn Beweise unmöglich sind

Entsprechend dem Kritischen Rationalismus ist in der Wissenschaft Erkenntnisgewinn nur durch das Prinzip der Falsifikation möglich. Wissenschaft stellt Theorien bzw. Hypothesen über Phänomene in der Natur auf. Die Richtigkeit dieser Theorien kann nicht bewiesen werden, denn sie müssten, wenn sie allgemein gültig sein sollten, im gesamten Universum und für alle Zeiten überprüft werden. Dies ist nicht möglich, daher schlägt Popper im Kritischen Rationalismus vor, dass eine Theorie solange als gültig angesehen werden kann, solange sie nicht mit einem beobachtbaren Naturphänomen in Widerspruch steht.

Tritt dier Fall ein, dass eine Theorie in irgend einem Punkt im Widerspruch zur Realität steht, muss die Theorie adaptiert oder, falls dies nicht möglich ist, verworfen werden. Die so überarbeitet Theorie muss dann wieder an allen beobachtbaren Phänomenen überprüft werden.

Mit diesem Prozess kann zwar nicht bewiesen werden, dass eine Theorie allgemein gültig ist, aber mit jedem Iterationsschritt wird sie verbessert und verfeinert. Jeder Iterationsschritt bedeutet Erkenntnisgewinn, die Theorie nähert sich schrittweise einer allgemein gültigen Beschreibung der Realität an.

Geschlossene Systeme entziehen sich der Falsifikation

Nach Popper gibt es Theorien, er nannte sie geschlossene Systeme, die sich der Falsifikation entziehen. Die Freudsche Psychoanalyse hat Popper als solch ein geschlossenes System identifiziert. Dadurch, dass die Psychoanalyse sich der Falsifikation entzieht , ist es potenziell möglich, jeden Menschen zu einem psychisch kranken Menschen zu machen. Dies ist z.B. dadurch möglich, dass der Therapeut seinem Probanden erklärt, dass er eine Neurose oder eine Psychose habe. Stimmt der Proband dieser Behauptung zu, sind sich beide einig und die Diagnose des Therapeuten gilt als erwiesen.

Widerspricht der Proband, erklärt ihm der Therapeut, dass er sein Leiden verdränge. Seelische Gesundheit könne er nur erlangen, wenn er sich die ursächlichen unbewussten Zusammenhänge seines Leidens bewusst mache.

Mit diesem Ansatz ist aus dem Probanden ein Patient geworden. Solange ihm die unbewussten Zusammenhänge seines Leidens nicht bewusst werden, verdrängt er sein Leiden. Unabhängig davon, ob es diese unbewussten Zusammenhänge seines Leidens gibt, wird er vom Therapeuten nur dann als geheilt entlassen, wenn er dem Therapeuten glaubhaft versichert, dass er sich der Zusammenhänge bewusst geworden ist.

Religion als geschlossenes System

Neben der Psychoanalyse hat Popper auch die Religion als geschlossenes System kategorisiert. Auch die Religion entzieht sich der Falsifikation. Religiöse Wahrheiten werden dadurch wahr, dass man sie glaubt. Nimmt man Teile religiöser Wahrheiten als im Widerspruch mit der realen Welt stehend wahr, liegt das daran, dass man nicht fest genug glaubt. Erst wenn man wirklich fest glaubt, werden alle Widersprüche aufgelöst.

Das fliegende Spaghettimonster

Prinzipiell kann dieser Ansatz zu einer richtigen Weltsicht führen, er kann den Gläubigen aber auch vollkommen in die Irre führen. Ein Gläubiger kann beliebiges glauben und für unumstößliche Wahrheiten halten. Was mit einem geschlossenen System möglich ist, zeigt die 2005 gegründete Religion vom fliegenden Spaghettimonster [21]. Inzwischen wurde über eine Million Dollar für eine Widerlegung der Theorien des FSM ausgelobt. Bislang ist diese Widerlegung nicht erfolgt, der ausgesetzte Betrag harrt noch der Abholung.

Gödels Unvollständigkeitssatz

Kurt Gödel

Der Logiker und Mathematiker Kurt Gödel hat sich intensiv mit der Frage befasst, ob es Grenze für Aussagen in formalen Systemen gibt. In seinem ersten Unvollständigkeitssatz [13], [14] beweist Kurt Gödel, dass ein formales System nicht gleichzeitig logisch konsistent und vollständig sein kann. Er weist nach, dass es in hinreichend starken formalen Systemen Aussagen geben muss, die man formal weder beweisen noch wiederlegen kann. Damit hat Gödel z.B. auch gezeigt, dass es unmöglich ist, die Widerspruchsfreiheit der Mathematik zu beweisen.

Noch gravierender ist die Aussage des Zweiten Unvollständigkeitssatzes: In diesem Satz hat Gödel bewiesen, dass ein konsistentes formales System von sich selbst nicht beweisen kann, dass es konsistent ist. Anders formuliert: Ein hinreichend starkes und widerspruchsfreies formales System kann seine eigene Widerspruchsfreiheit nicht beweisen.

Damit hat Gödel bewiesen, dass das strikteste formale System, das wir kennen, die Mathematik, seine eigene Widerspruchsfreiheit nicht beweisen kann. Dies könnte nur auf einer Metaebene erfolgen. Aber auch für dieses Meta-System würde wider Gödels Satz gelten, auch  dieses Meta-System könnte seine eigene Widerspruchsfreiheit nicht beweisen. Die Widerspruchsfreiheit des Meta-Systems könnte nur mittels eines Meta-Meta-Systems gezeigt werden, aber auch für dieses Meta-System gälte wieder Gödels Satz dessen Widerspruchsfreiheit auf einer Meta-Meta-Ebene gezeigt werden müsste, ……

Alan Turing

Alan Turing

Beinahe zeitgleich und unabhängig von Gödel findet der britische Logiker und Mathematiker Alan Turing eine andere Formulierung für die Aussage des Gödel’schen Unvollständigkeitssatzes: Es gibt Automaten, die nie anhalten.

Turing entwickelt ein abstraktes, streng formalisiertes Modell eines informationsverarbeitenden Systems. Damit legt er die Grundlagen für die Informatik. Eine Turing-Maschine ist ein mathematisches Objekt und kann mit mathematischen Mitteln untersucht werden. Turing-Maschinen machen die Begriffe Algorithmus und Berechenbarkeit mathematisch fassbar und damit untersuchbar.

Eine Turing-Maschine besteht aus folgenden Komponenten:

  • Einem unendlich langen Band Papier, das in Felder unterteilt ist.
  • Einem Schreib-/Lesekopf, der von einem Programm gesteuert wird, er kann sich um ein Feld nach links oder nach rechts bewegen.
  • Bei jedem Feld kann der Schreib-/Lesekopf ein Zeichen schreiben, löschen oder lesen.

Jeder Algorithmus kann mit einer Turing-Maschine beschrieben werden. Turing konnte zeigen, dass es Algorithmen gibt, bei denen die Maschine nie anhält. Das Programm kommt zu keinem Ergebnis. Dies ist eine andere Formulierung der Gödel’schen Aussage, dass es Aussagen gibt, die man weder beweisen noch widerlegen kann.

Das Dilemma des Erkenntnisgewinns

Wie oben gezeigt wurde, sind weder formale Systeme noch Dogmen basierte Systeme geeignet, uns ein zuverlässiges Bild der Welt zu vermitteln. Der Mensch bleibt, wie es Plato in seinem Höhlengleichnis  veranschaulicht hat, ein Gefangener, der die Welt nur schemenhaft wahrnehmen kann. Weder Religion noch Wissenschaft vermögen ihm letzte Gewissheit zu geben.

Der wesentliche Unterschied zwischen den Ansätzen in den Religionen und den Naturwissenschaften liegt darin, dass die Naturwissenschaften eine Methode entwickelt haben, die es ermöglicht, in einem iterativen Prozess ein immer genauer werdendes Bild von der Welt zu erlangen.

Trennung Wissenschaft und Religion

Seit der Renaissance und der anschließenden Aufklärung hat sich durch die Entfaltung der Naturwissenschaften unser Weltbild und das Verhältnis zwischen Naturwissenschaft und Religion dramatisch verändert. Bis zur Renaissance herrscht das geozentrische Weltbild vor, mit dem Menschen als Krone der Schöpfung. In diesem Weltbild hat Gott unsere Welt geschaffen und den Menschen legitimiert, sich diese Welt untertan zu machen.

Sigmund Freud formuliert 1917 in seiner Arbeit “Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse” seine Hypothese der drei Kränkungen der Menschheit. Demnach gibt es drei große Einschnitte, die der naive Narzissmus des menschlichen Bewusstseins durch den Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis erlitten habe:

Die kosmologische Kränkung

Nikolaus Kopernikus

Mit der Kopernikanischen Wende wird der Mensch aus dem Zentrum des Universums in einen abgelegenen Winkel verbannt. Er bewohnt kein Zentralgestirn, sondern einen bescheidenen Planeten in einem Sonnensystem irgend wo unter anderen Sonnensystemen in einer Galaxie, die sich wiederum irgend wo im Universum befindet. Die aktuelen Theorien der Astrophysik legen nahe, dass es nicht nur ein Universum gibt, sondern mehrere, parallel existierende Universen. In all diesen parallel existierenden Universen gelten unterschiedliche physikalische Gesetze. Universen entstehen und vergehen andauernd. Die Entstehung eines Universums ist kein Einzel- bzw. Sonderfall, sondern kosmologische Normalität.

Dieses Modell steht in krassem Widerspruch zu den Schöpfungsmythen der meisten Religionen. Es bleibt anzumerken, dass die  Theorie der Multiversen experimentell noch nicht bestätigt werden konnten. Allerdings wäre sie nicht das erste mathematische Modell, das die Existenz von physikalischen Phänomenen voraussagt, die erst später experimentell bestätigt werden konnten.

Die biologische Kränkung

Charles Darwin

Charles Darwin hat dem Menschen mit der Begründung seiner Evolutionstheorie die zweite Kärnkung zugefügt. Der Mensch ist, so wie alles andere Leben auf der Erde, ein Produkt der Evolution [16].

Der heutige Mensch ist auch nicht die einzige Menschenart, die die Evolution hervor gebracht hat. Der Neandertaler ist mit dem heutigen Menschen etwa so verwandt, wie der Schimpanse mit den Gorilla.

Wenn der Mensch von einem Schöpfer geschaffen wurde, dann hat dieser Schöpfer nicht nur einen Typus Mensch geschaffen, sondern  mindestens zwei.

Die psychologische Kränkung

Sigmund Freud

Nach Sigmund Freud entzieht sich ein beträchtlicher Teil des Seelenlebens der Kenntnis und der Kontrolle des bewussten Willens. “Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus”In den meisten Religionen wird der Mensch als mit einem freien Willen ausgestattet gesehen. Als Geschöpf eines allmächtigen Schöpfers ist dem Menschen aufgetragen, religiöse Ge- bzw. Verbote einzuhalten. Letztlich wird er zur Rechenschaft gezogen. Als Belohnung lockt das ewige Himmelreich, als Bestrafung droht die ewige Verdammnis.

Allerdings verfügen Menschen nur in beschränktem Maß über einen freien Willen. Gefühle wie Liebe, Furcht, Hass, Freude, Trauer, Zufriedenheit, Neid, Eifersucht etc. entziehen sich hartnäckig einer willentlichen Beeinflussung. Der Verstand kann versuchen, sie zu unterdrücken, auf Dauer führt dies zu psychischen Störungen bzw. Erkrankungen.

Streng genommen kann es gar keinen freien Willen geben. Freier Wille bedeutet, dass jemand völlig unabhängig von unbewussten Einflüssen zwischen zwei Möglichkeiten wählen kann. Unsere Entscheidungen werden aber maßgeblich von Emotionen beeinflusst. Nicht umsonst heißt es, der Verstand rechtfertigt das, was das Herzens begehrt. Die Motive für unsere Entscheidungen werden uns in den seltensten Fällen bewusst. Wie kann man da von einem freien Willen sprechen?

Religion als Antwort auf die letzten Fragen

Religionen nehmen für sich in Anspruch, Antworten auf die letzten Fragen geben zu können.

  • Woher komme ich (Frage nach der Schöpfung der Welt und jedes Individuums)?
  • Wohin gehe ich (Frage nach einem Leben nach dem Tod)?
  • Was ist der Sinn des Lebens?
Zur Schöpfungsfrage

Die Schöpfungsfrage umfasst im Grunde mehrere Fragestellungen:

  • Wie ist die Welt entstanden?
  • Warum ist die Welt entstanden?
  • Wie bin Ich entstanden?
  • Warum bin ich entstanden?
Wie ist die Welt entstanden?

Die Ursache für den Anbeginn der Welt wird in Religionen auf eine Schöpfung durch einen Schöpfer zurückgeführt [25]. In den verschiedensten Religionen gibt es Konzeptionen der Erschaffung des Universums oder eines präexistenten Chaos aus dem Nichts. Als Erklärungsgrund wird eine personifizierte Macht angenommen, die aus eigenem Antrieb die Welt erschaffen hat.

Warum ist die Welt entstanden?

Das Postulat eines Schöpfer ist prinzipiell eine Möglichkeit, die Existenz des Universums und das Entstehen von Leben zu erklären. Worauf dieses Postulat aber keine Erklärung gibt, ist die Frage, warum der Schöpfer überhaupt “geschöpft” hat? Warum hat er diese Welt eigentlich geschaffen? Wem wollte er damit einen Gefallen tun? Sich selbst, also eine Schöpfung aus Eigennutz? Wollte er uns Menschen einen Gefallen tun? Hätte er die Welt nicht geschaffen, existierten wir Menschen nicht und hätten auch nicht das Bedürfnis leben zu wollen bzw. einen vom Schöpfer vorgegebenen Lebenszweck zu erfüllen.

Wie bin ich entstanden?

Die Entstehung von Leben im Allgemeinen aber auch jedes einzelnen Individuums wird in Religionen auf einen schöpferischen Akt eines (meist) personalisierten Gottes zurückgeführt. Als Individuum kann ich mich jedoch fragen: Warum hat mich Gott eigentlich geschaffen, noch dazu ohne mich zu fragen, ob ich dies überhaupt möchte?

Warum bin ich entstanden?

Jeder Mensch wird ungefragt in eine Welt hinein gestoßen in der die Spielregeln vorgegeben sind. Egal, ob man dieses Spiel spielen möchte oder ob man lieber ein anderes Spiel gespielt hätte, oder ob man am liebsten gar kein Spiel gespielt hätte. Jeder Mensch ist dazu verdammt, dieses Spiel zu spielen. Wenn er sich nicht an die Regeln hält droht ihm ewige Verdammnis. Wenn er sich wacker schlägt, wird ihm verhießen an einem neuen Spiel teilnehmen zu können. Allerdings sind ihm die Regeln für dieses neue Spiel nicht bekannt. Im übrigen wird er wiederum nicht gefragt, ob er überhaupt weiterspielen möchte.

Zur Frage eines Lebens nach dem Tod

Ob es ein Leben nach dem Tod gibt kann von uns Menschen empirisch nicht entschieden werden. Zunächst kann der Glaube an ein Leben nach dem Tod als Ausdruck eines Leben Wollens gesehen werden. Der Lebenswille eines Menschen ist nicht etwas, zu dem man sich rational entschließen kann, er ist in uns tief verwurzelt, er ist uns genetisch vorgegeben.

Der Umstand, dass wir diesen starken (Über-)Lebenswillen haben, bedeutet allerdings nicht, dass die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod reine Fiktion bzw. nur eine Wunschvorstellung ist.  Inzwischen gibt es eine umfangreiche Literatur über Nahtoderfahrungen von Menschen. In diesen Berichten werden immer wieder ähnliche Erfahrungen beschrieben. Sind diese Berichte also eine Evidenz dafür, dass es ein Leben nach dem Tod gibt?

Am Universitätsklinikum Rudolf Virchov konnte in einer Studie gezeigt werden, dass Nahtoderlebnisse auf Sauerstoffabwesenheit im Gehirn (zerebrale Anoxie), Sauerstoffmangel (Hypoxie) oder einen Überschuss an Kohlendioxid (Hyperkapnie) zurückgeführt werden können.

Bei einem künstlich erzeugten Sauerstoffmangel im Gehirn hatten von 42 gesunden Personen 16 % außerkörperliche Erfahrungen, 35 % hatten Gefühle von Frieden und Schmerzlosigkeit, 17 % Lichterscheinungen, 47 % Erleben einer anderen Welt, 20 % Zusammentreffen mit unbekannten Lebewesen, und 8 % Tunnelerlebnisse. Zwei Personen hatten sogar Rückerinnerungen an frühere, spontane Nahtoderfahrungen.

In dieser Studie haben die Autoren gezeigt, dass Nahtoderfahrungen bei gesunden, nicht sterbenden Personen reproduziert werden können. Die geschilderten Phänomen sind eine Reaktion des Gehirns auf eine Unterversorgung mit Sauerstoff bzw. auf eine Überversorgung mit Kohlendioxid. Genau das geschieht aber bei einem Sterbenden. Wenn die körperlichen Funktionen beginnen zusammenzubrechen wird auch das Gehirn nicht mehr ausreichend versorgt. Da ist es nahe liegend, dass das Gehirn so reagiert, wie es bei Unterversorgung mit Sauerstoff eben reagiert.

Zum Leib-Seele-problem

Die Berichte von Nahtoderfahrungen scheinen die Existenz einer von einem Leib unabhängigen Seele zu bestätigen. Auf Grund der oben erwähnten Studie scheint das Leib-Seele-Problem [22] dennoch nicht gelöst zu sein.

Über Jahrtausende bewegte die Philosophie und die Religionen die Frage, welche Beziehung zwischen dem Leib (hier wird unter Leib primär das Körperliche verstanden [24]) und der Seele (Verstand, Bewusstsein) besteht. Im Wesentlichen sind die vier grundlegenden Ansätze zu unterscheiden:

  • Die Idealisten sehen im Geistig- Seelischen das einzige Seinsprinzip.
  • Die Materialisten betrachten die Materie als das einzige Seinsprinzip. Für sie ist Geistiges ein Produkt biologischer Prozesse im Gehirn.
  • Dualismus: Es gibt zwei Seinsprinzipien. Materie und Geist sind zwei unabhängige Seinsprinzipien. Materie kann nicht auf Geistig-Seelisches reduziert werden. Umgekehrt kann Geistig-Seelisches nicht auf materielle Prozesse reduziert werden.
  • Es gibt nur ein Seinsprinzip: Das Geistig-Seelische und das Materielle sind Aspekte eines einzigen Seinsprinzips.

All diese unterschiedlichen Auffassungen finden sich in den unterschiedlichsten Religion wieder [23]. In der Antike herrscht die Vorstellung vor, dass beim Tod eines Menschen, das Eine, der Leib starb, während das Andere, die Seele, fortexistiert. Mit dem Christentum komm es zu einer Verschiebung wichtiger Akzente: Die Unsterblichkeit der Seele wird nun gnadenhaft gesehen, als einer von Gott verliehenen  Qualität. Ihre Leiblosigkeit wird hingegen als Mangel und nicht mehr als Befreiung gesehen. Sie würde erst bei der Vereinigung mit dem Körper am Jüngsten Tag wieder voll und ganz zu sich kommen.

Judentum und Buddhismus kennen so etwas wie eine ewig existierende geistige Essenz des Menschen nicht. Das Leib-Seele-Problem gilt im Grunde als ein spezifisches Problem der europäischen Geistesgeschichte. Insbesondere die Philosophietraditionen  des Ostens gehen von grundsätzlich anderen metaphysischen Annahmen aus, wodurch die Trennung in Geist und Körper als illusionär oder bedeutungslos erscheint.

Der Geist aus der Maschine
Prinzip des Turing-Tests

Bereits Alan Turing hatte in den 40-er, 50-er Jahren des vorigen Jahrhunderts begonnen über die Frage nachzudenken, ob auch Maschinen (Computer) über Intelligenz und in letzter Konsequenz über Bewusstsein verfügen können. Diese Frage wurde und wird in Fachbereich der künstlichen Intelligenz heftig diskutiert und ist bis heute noch nicht definitiv entschieden.

Alan Turing hat in dem nach ihm benannten Test [26] einen Vorschlag gemacht, wie man herausfinden könnte, ob eine Maschine über ein dem Menschen gleichwertiges Denkvermögen verfügt.

Ein menschlicher  Fragesteller kommuniziert über eine Tastatur und einen Bildschirm mit zwei für ihn nicht sichtbaren Gesprächspartnern. Einer der Gesprächspartner ist ein Mensch, der andere ein Computer. Beide versuchen den Fragesteller davon zu überzeugen, dass sie ein denkender Mensch sind. Wenn es dem Fragesteller nicht gelingt, klar zu sagen welcher der Gesprächspartner der Mensch und welcher die Maschine ist, hat die Maschine den Turing-Test bestanden. Inzwischen gibt es spezielle Bereiche, in denen Maschinen den Turing-Test problemlos bestehen. Am bekanntesten sind Schachcomputer, die inzwischen schon gegen Schachweltmeister Spiele gewinnen können. Ach auch Go-Programme haben inzwischen ein Spielniveau erreicht, mit dem sie in der Lage sind, auch gegen Europameister zu gewinnen.

Im Laufe der Zeit wurden eine Reihe von Argumenten vorgebracht, die den Turing-Test als ungeeignet für die Feststellung von Intelligenz ansehen. Unabhängig davon, ob diese Kritik berechtig ist oder nicht, möchten wir folgendes Gedankenexperiment durchführen.

Die Medizin ist inzwischen in der Lage, bei Menschen ausgefallene Sinnesorgane oder Körperteile durch Maschinen zu ersetzen. Inzwischen gibt es Arm- und Beinprothesen, die über Elektroden direkt an das Nervensystem angeschlossen sind. Die Steuerung der Prothesen erfolgt dabei über die Gedanken des Trägers. Maschinen sind also in der Lage, Gedanken eines Menschen zu interpretieren. Umgekehrt sind Menschen in der Lage, elektrische Impulse, die von einer Maschine an einen Nerv übertragen werden, zu interpretieren.

Stellen wir uns nun vor, diese Technik wird immer weiter verfeinert und es wird dadurch möglich, Teile des Gehirns durch elektrische Schaltkreise zu ersetzen. Irgendwann wird der Punkt erreicht sein, an dem der maschinelle Anteil des Gehirns gegenüber dem biologischen überwiegt. Bedeutet dies dann, dass der maschinelle Anteil über Bewusstsein verfügt? Wenn nicht, ist es prinzipiell möglich, dass ab einer bestimmten Größe das Bewusstsein vom maschinellen Anteil übernommen wird? Wie groß muss dieser Anteil sein?

Angenommen, es gelänge auf die oben beschriebene Art das Bewusstsein eines Menschen auf eine Maschine zu übertragen. Dann ergäben sich daraus unmittelbar die folgenden Fragen:

  • Ist damit “ewiges” Leben möglich?
  • Was geschieht, wenn man die Energiezufuhr unterbricht? Hat man damit das Bewusstsein zum Erlöschen gebracht? Erwacht es wieder, wenn die Energiezufuhr wieder aufgenommen wird?
  • Ist es möglich diese Maschine zu klonen und damit ein zweites Bewusstsein zu erzeugen? Falls ja, würde dies bedeuten, dass den Göttern der verschiedenen Religionen ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal abhanden gekommen wäre: Die Fähigkeit beseeltes Leben zu schaffen.
Zur SinnfRage

Die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, lässt sich für uns nicht eindeutig beantworten. Nicht besser ergeht es uns mit der Frage nach dem Sinn des Lebens, weder des Lebens in Diesseits noch eines Lebens nach dem Tod.

In den drei Abrahams-Religionen wird der Sinn des Lebens als Vorbereitung auf ein Leben nach dem Tod gesehen. Angenommen, es gäbe dieses Leben nach dem Tod. Was wäre dann der Sinn eines Lebens nach dem Tod?

Mit dem Verweis auf ein späteres Leben wird die Sinnfrage nicht beantwortet, ihre Beantwortung wird nur auf eine neue Ebene, eine Meta-Ebene, gehoben, auf der sie dann weiter unbeantwortet bleibt. Man kann zwar ein Leben nach dem Tod als erstrebenswert oder als schön empfinden, dadurch wird  die Sinnfrage aber nicht beantwortet.

Die Sinnfrage stellt sich aber noch viel schmerzlicher und unerbittlicher, wenn, so wie in den meisten Religionen angedroht, das Leben nach dem Tod in ewiger Verdammnis geführt werden muss. Wozu ein mit Mühsal beladenes, auf ein paar Jahrzehnte befristetes Leben führen um dann in ewiger Verdammnis leben zu müssen?

Fazit

Religionen nehmen für sich in Anspruch, Antworten auf die letzten Fragen des Menschen geben zu können. Wie in diesem Beitrag gezeigt wurde, ist dies nicht der Fall. Religionen geben zwar Antworten auf diese Frage, diese Antworten sind aber keine letzten Antworten, sie sind keine endgültigen Antworten. So gesehen halten Religionen nicht, was sie versprechen, solchermaßen sind Religionen Mogelpackungen.

Ludwig Wittgenstein hat die Frage nach dem Sinn des Lebens wie folgt beantwortet: “Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems.” Ist nicht dies der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen können, worin der Sinn besteht?

Links

[1] Algerien

[2] Brasilien

[3] Evangelikalismus

[4] Irak

[5] Iran

[6] Libanon

[7] Libyien

[8] Polen

[9] Russisch-Orthodoxe Kirche

[10] Türkei

[11] USA

[12] Existenz Gottes mathematisch bewiesen

[13] Gödels Unvollständigkeitssätze einfach erklärt

[14] Gödelscher Unvollständigkeitssatz

[15] Nahtoderfahrung

[16] Reizthema Evolution

[17] Höhlengleichnis

[18] Kant’sche Apriori

[19] Kategorien nach Immanuel Kant

[20] Rupert Riedl: Die stammesgeschichtlichen Grundlagen der Vernunft

[21] Fliegendes Spaghettimonster

[22] Leib-Seele-Problem

[23] Die Leib-Seele-Problematik in der Theologie

[24] Das Leib-Seele-Problem  — bloße Spiegelfechterei

[25] Schöpfung

[26] Turing-Test

 

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