Ist die Linke am Ende?

Nach der Nationalratswahl in Österreich kann man konstatieren: in 12 Staaten Europas sitzen Sozialdemokraten in der Regierung. Einzig in Rumänien und in Portugal gibt es eine sozialdemokratische Alleinregierung. In Portugal handelt es sich allerdings um eine von zwei anderen Linksparteien gestützte Minderheitsregierung. In Albanien, Estland, Italien, Litauen, Luxemburg, Mazedonien, Montenegro, Schweden, Schweiz, Slowenien sind sozialdemokratische Parteien in einer Koalition entweder als Haupt- oder als Juniorpartner vertreten [1].

Das 20. Jahrhundert

Bis zur Jahrhundertwende hat die politische Landkarte Europas ein wenig anders ausgesehen. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war die goldene Zeit der Sozialdemokratie. Ein Blick auf die politische Landkarte Europas in den 70-er und 80-er Jahren zeigt: Europa ist mehrheitlich rot.

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In der folgenden Übersicht sind die bedeutendsten sozialdemokratischen Regierungschefs jener Zeit zusammengestellt.

 

Neben den starken sozialdemokratischen Parteien in Schweden, Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Österreich gab es weitere einflussreiche Linksparteien:

  • Frankreich: 1969 ist das Gründungsjahr der Parti socialiste (Sozialistischen Partei Frankreichs) [2]. Im selben Jahr erzielt die Parti communiste francais (PCF) mit 21,3% das bestes Wahlergebnis in ihrer Geschichte, 1981 Beteiligung der PCF  an der Regierung Mitterrand [3].
  • Italien: 1976 erzielt die Partito Comunista Italiano (PCI) mit 34,4% ihr bestes Ergebnis bei Parlamentswahlen. Die PCI ist in der Folge an der Minderheitsregierung der Democrazia Cristiana beteiligt (historischer Kompromiss) [4].
  • Portugal: Während die Partido Socialist (PS) an mehreren Regierungen beteiligt [7] ist, erreicht diedie Partido Comunista Portugues (PCP) mit 21 Prozent ihr bestes Ergebnis [8].
  • Griechenland: 1974 wird die Panellinio Sosialistiko Kinima (PASOK) gegründet. Von 1981 bis 2009 erreicht sie Stimmenanteile um die 40 Prozent  [13].
  • Schweiz: Seit ihrer Gründung im Jahr 1919 liegt die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SP) bei einem Stimmenanteil zwischen 18 und 25 Prozent [14].
  • Dänemark: Von 1920 bis 1998 liegt die Socialdemokraterne (S) mit zwei Ausnahmen zwischen 30 und 45 Prozent der Stimmen [15].
  • Norwegen: Von 1927 bis 2013 liegt die Arbeiderpartiet (Ap) immer zwischen 30 und 48 Prozent der Stimmen [16].

All diese Parteien haben das Gesicht des Kontinents stark und nachhaltig beeinflusst und verändert. Der Sozialstaat wie wir ihn heute kennen wurde wesentlich auf Betreiben sozialdemokratischer Parteien entwickelt und ausgebaut. Wichtige Elemente eines Sozialstaates sind:

  • soziale Sicherheit [18]: gemeint ist die Reduktion von Lebensrisiken und deren soziale Abfederung. Dazu gehören:
    • Krankheit,
    • Arbeitslosigkeit,
    • Alter,
    • Arbeitsunfall, Berufskrankheit,
    • Mutterschaft,
    • Berufsunfähigkeit,
    • Tod,
    • Familienlasten
  • soziale Gerechtigkeit [19]: es geht um die gerechte Verteilung von Rechten, Möglichkeiten und Ressourcen in einer Gesellschaft. Was genau unter gerecht zu verstehen ist, ist seit jeher umstritten.
  • Gewährleistung der Teilhabe aller an den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen.

Die Sozialistische Internationale

Sozialdemokratische und sozialistische Parteien haben sich schon sehr früh (28. 9. 1864) zu einer internationalen Organisation, der Sozialistischen Internationale (SI) [17] , zusammengeschlossen. In ihren Anfängen (bis ins beginnende 20. Jahrhundert) setzte sich die SI vor allem gegen imperialistische Kolonialpolitik, Nationalismus, Aufrüstungspolitik in den Staaten Europas sowie für die Stärkung der Arbeiterbewegung ein.

Nach dem zweiten Weltkrieg wich in den 50-er und 60-er Jahren der Internationalismus der SI einem zunehmenden Eurozentrismus und einer kapitalismusbejahenden Haltung. In den 70-er Jahren unterstützt die SI die sozialdemokratischen Parteien in Spanien und Portugal beim Übergang von der Diktatur zur Demokratie. Ab Mitte der 70-er Jahre kommt es zu einer Solidarisierung mit Freiheitsbewegungen in Afrika und Lateinamerika.

In der Gegenwart besteht die SI aus einer heterogenen Sammlung von Bewegungen, schwerpunktmäßig aus Europa und Lateinamerika. Es dominiert aber eher eine Sozialdemokratie mit moderater Tendenz (Dritter Weg). Es geht um die Findung eines sozialdemokratischen Weges in Zeiten eines globalisierten Kapitalismus zu finden.

Niedergang der linken Parteien?

Im ausklingenden 20. Jahrhundert sind sozialdemokratische Parteien ein fixer, einflussreicher und erfolgreicher Bestandteil der Parteienlandschaft Europas. Betrachtet man aber z.B. die Ergebnisse der Nationalratswahlen in Österreich ist erkennbar, dass seit Beginn der 80-er Jahre die Stimmenanteile der SPÖ stetig abnehmen.

Diese Entwicklung ist keine spezifisch Österreichische. Die Entwicklung der Wahlergebnisse der SPD in Deutschland zeigt einen ähnliche Verlauf.

Während bei der SPÖ die Abwärtsentwicklung zu Beginn der 80-er Jahre einsetzt, beginnt diese bei der SPD bereits Mitte der 70-er Jahre. In Großbritannien setzt diese Entwicklung noch früher ein. Bereits Mitte der 60-er Jahre beginnen die Stimmenanteile der Labour Party tendenziell zu sinken.

Dass schlechte Wahlergebnisse natürlich auch hausgemacht sind, bedarf keiner Erwähnung. Wenn es aber in vielen Ländern gleichzeitig zu einem Einbrechen der Wahlergebnisse kommt, muss es dafür tiefer liegende Gründe geben.

Erfolg als Keim des Niedergangs

Sozialdemokratie versteht sich klassisch als Vertretung der Interessen der Arbeiter bzw. der Unselbstständigen. Dazu gehört auch, unter dem Titel der sozialen Gerechtigkeit, Angehörigen dieser Klasse bzw. deren Kindern Zugang zu Bildung zu gewähren. Mit dem Ausbau des Sozialstaates konnte dieser Anspruch erfolgreich umgesetzt werden. Jeder, der eine höhere berufliche Qualifikation anstrebt kann diese, unabhängig vom Einkommen der Eltern, auch erreichen.

Für diesen Erfolg hat die Sozialdemokratie allerdings einen “Preis” zu zahlen. Bildung ermöglicht Angehörigen sozial benachteiligter Schichten, wie z.B. der Arbeiterschicht den Aufstieg in die Mittelschicht. Die Probleme, Interessen und Wünsche der Angehörigen der Mittelschicht sind andere als jene der Arbeiterschicht. Die Interessen dieser beiden Schichten stehen zum Teil im Widerspruch. Angehörige der Mittelschicht sind nicht unbedingt dem sozialdemokratischen Milieu zuzuordnen.

Sozialdemokratische Parteien stehen vor einem Dilemma. Sollen sie weiter die Interessen der immer kleiner werdenden Arbeiterklasse vertreten oder sich hin in Richtung Mittelschicht öffnen? Die sozialdemokratischen Parteien haben mit dem von Schröder und Blair vorgelegten dritten Weg den Spagat versucht. Die Wahlergebnisse geben ihnen nicht wirklich recht. Sie vermitteln eher den Eindruck, dass die Parteien zwischen zwei Stühlen auf ihrem dritten Weg sitzen bleiben. In ihrer Ausgabe vom 10.5.2007 beschreibt die FAZ den dritten Weg als warmen Thatcherismus, als den Versuch dem Neoliberalismus einen wärmenden Mantel überziehen zu wollen. Es erscheint wenig überraschend, dass Angehörige der Arbeiterklasse, die die soziale Kälte des Neoliberalismus besonders stark zu spüren bekommen, vom Konzept des dritten Wegs wenig angetan sind und sich von sozialdemokratischen Parteien nicht mehr vertreten fühlen und sich Alternativen suchen.

In der Wachstumsfalle

Ein Blick zurück in die 70-er Jahre zeig, dass die Arbeitswelt damals völlig anders ausgesehen hat als heute. Fixe Beschäftigungsverhältnisse waren die Norm. Die Wirtschaftswachstumsraten lagen noch in der Größenordnung von 5 Prozent. Allerdings sinken die Wachstumsraten, langfristig betrachtet, stetig und liegen derzeit unter 2 Prozent.

Diese Entwicklung gilt nicht nur für Österreich, sie trifft in ähnlicher Weise auch auf andere, hoch entwickelte Staaten wie z.B. Deutschland (siehe Graphik unten), Frankreich, Italien oder Großbritannien zu.

In den 70-er Jahren lag in Österreiche die Zahl der freien Stellen knapp unter der Zahl der registrierten Arbeitslosen (siehe Graphik unten). Es herrschte praktisch Vollbeschäftigung.

In den 80-er Jahren setzt dann eine bemerkenswerte Entwicklung ein. Die Zahl der offenen Stellen bleibt im Durchschnitt auf einem konstanten Niveau während die Zahl der registrierten Arbeitslosen stetig ansteigt. Zeitgleich sinken die Wachstumsraten unter den Wert von 3 Prozent.

Es ist jene Zeit in der es in Europa (Thatcher, Kohl) und in den USA (Reagan) zu einer politischen Wende kommt. Für die stetig steigende Zahl der Arbeitslosen und die stetig sinkenden Wachstumsraten wird der Ausbau des Sozialstaates verantwortlich gemacht. Es ist die Stunde des Neoliberalismus [23]. Der Sozialstaat wird als wachstumshämmender Kostenfaktor wahrgenommen. Es ist die Zeit der Slogans vom “schlanken Staat”, es ist die Rede davon, dass “sich Leistung wieder lohnen muss”. Sozialabgaben werden von Arbeitgebern als “den Standort gefährdend” und von Arbeitnehmern als “das Einkommen senkend” gesehen.

Das neoliberale Konzept rückt den freien Markt ins Zentrum. Zur Ankurbelung der Wirtschaft müsse die Staatsquote reduziert werden, staatliche Aufgaben müssten privatisiert werden, der Kapitalverkehr müsse dereguliert werden und der Staat müsse den Wettbewerb fördern. So lautet das neoliberale Kredo.

All diese Forderungen werden im gemeinsamen Markt der EU umgesetzt [24]. Die europäische Integration hat den Neoliberalismus in Europa institutionalisiert und sozialdemokratische Parteien haben diese Institutionalisierung mitgetragen. Das europäische Projekt war von jeher als Wirtschaftsunion konzipiert. Die freie Zirkulation von Gütern, Personen, Dienstleistungen und Kapitalien sollte die Wirtschaft ankurbeln und die Wachstumsraten wieder über 3 Prozent anheben.

Der neoliberale Irrtum

Betrachtet man die Entwicklung der Wachstumsraten, der Zahl der Arbeitslosen, der Budgetdefizite hoch entwickelter Länder, zeigt sich, dass sich alle diese Parameter, unabhängig vom politischen System bzw. von den regierenden Parteien in analoger Weise entwickeln. Die Wachstumsraten nehmen ab während die Zahl der Arbeitslosen und die Staatsschulden steigen.

Die Ursache für diese Entwicklung liegt nicht im Ausbau des Sozialstaates. Es gibt ein strukturelles Problem! Dieses Problem liegt in der Natur des exponentiellen Wachstums. Ökonomen fordern, dass die Wirtschaft jedes Jahr um mindestens 3 Prozent wachsen muss, wenn die Zahl der Arbeitslosen nicht ansteigen soll.

Ein jährlicher Anstieg von 3 Prozent bedeutet, dass die Wirtschaft eines Landes exponentiell wachsen muss. Ein entscheidender Parameter exponentiellen Wachstums ist die Verdoppelungszeit. Sie errechnet sich mit der folgenden Formel:

Dabei bedeutet p der Prozentsatz des jährlichen Zuwachses. Bei einem jährlichen Zuwachs von 3 Prozent ergibt sich eine Verdoppelungszeit von 23,45 Jahren. Für eine Volkswirtschaft bedeutet dies, dass die wirtschaftliche Leistung alle 23,45 Jahre verdoppelt werden muss.

 

Angenommen wir haben 1 GE (Geldeinheit) zur Verfügung. Bei einem jährlichen Zuwachs von 3 Prozent müssten wir unser Kapital nach 50 Jahren auf 4,38 GE vermehren. In den folgenden 23,45 Jahren müssten wir doppelt so viel, nämlich 8,77 GE erwirtschaften, dies sind um 4,38 GE mehr als noch vor 23,4 Jahren hatten. Auch in den folgenden 23,45 Jahren müssten wir unser Kapital verdoppeln und zwar auf 17,54 GE, dies sind nun um 8,77 GE mehr als in den vorherigen 23,45 Jahren usw.

Der Neoliberalismus glaubt, durch die Forcierung des freien Marktes auf Dauer exponentielles Wachstum sicherstellen zu können. Das neoliberale Credo lautet: Deregulierung, Liberalisierung, Globalisierung, Rationalisierung und Wettbewerb sorgen automatisch für ausreichendes Wachstum.

Der Notwendigkeit, die Wirtschaftsleistung alle 23,45 Jahre verdoppeln zu müssen, kann aber auf Dauer nicht erfüllt werden. Weder durch Steigerung der Produktivität, weder durch Rationalisierung bzw. Automatisierung, weder durch Deregulierung, weder durch Liberalisierung ist eine ständige Verdoppelungszeit von 23,45 Jahren einzuhalten.

Die Folgen des Neoliberalismus

Die neoliberalen Konzepte sind in den Staaten der EU weitgehend umgesetzt, allerdings mit wenig Erfolg. Die Wachstumskurven zeigen weiter nach unten. Der Preis, den die Arbeitnehmer dafür zahlen müssen, ist der Abbau sozialer Standards.

Altersvorsorge

So bedeutet etwa die Privatisierung staatlicher Leistungen die Umstellung der Altersversorgung vom Umlageverfahren zum kapitalgedeckten Verfahren [25].

Der wesentliche Unterschied der kapitalgedeckten Rente zum Umlageverfahren liegt darin, dass die Versicherten nicht in einen einzigen großen Topf einzahlen, aus dem dann die Renten ausbezahlt werden. Jeder Versicherte zahlt in seinen eigenen Topf ein und erhält im Alter aus diesem Topf eine Rente ausbezahlt. Die kapitalgedeckte Rente folgt einem strikten Prinzip der Beitrags-Leistungs-Äquivalenz. Die ausbezahlte Rente ist direkt proportional zu den einbezahlten Beiträgen. Dieses Prinzip steht im Widerspruch zum Prinzip der sozialen Gerechtigkeit, d.h. dass sozial Benachteiligte mit der Solidarität sozial besser Gestellter rechnen dürfen. Im kapitalgedeckten Verfahren können sie nicht mehr damit rechnen.

Ein gravierender Nachteil der kapitalgedeckten Rente wird aktuell schlagend. In Folge der Finanz- und Euro-Krise werfen privaten Renten zu wenig Zinsen ab. Die in der Vergangenheit forcierten privaten Renten reichen nicht aus, um den Lebensstandard im Alter zu sichern [26]. Junge Menschen, die gerade in das Arbeitsleben eingetreten sind, stehen vor der Frage, wie sie im Alter einen angemessenen Lebensstandard finanzieren können. Die staatliche Rente zusammen mit einer privaten Vorsorge reichen dafür nicht mehr aus.

Arbeitsverhältnisse

In der Mitte der 80-er Jahre waren unbefristete Vollzeit-Beschäftigungsverhältnisse die Norm. Inzwischen sind die sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnisse [27], wie Scheinselbstständigkeit,  Ich-AG, Teilzeitbeschäftigung, Leiharbeit, Praktika, zur Regel geworden. All diese Beschäftigungsformen werden als Beitrag zur Flexibilisierung und damit zur Standortsicherung gesehen. Sie zielen letztlich darauf ab, Sozialabgaben zu privatisieren, d.h. sie auf den Beschäftigten abzuwälzen.

Für Arbeitnehmer bedeutet Flexibilisierung eine Reduktion sozialer Sicherheit. Scheinselbstständige haben, im Gegensatz zu Angestellten, keine Kündigungsfristen. Sie haben keinerlei soziale Absicherung. Die Arbeitnehmervertreter, sozialdemokratische Parteien und Gewerkschaften haben diese Entwicklung schlichtweg verschlafen. Es gibt eine Gewerkschaft der Metallarbeiter, der Holz- und Bauarbeiter, der Handelsangestellten etc. aber es gibt keine Gewerkschaft der Scheinselbstständigen. Es gibt auch keine Gewerkschaft für Arbeitslose, sehr wohl aber eine Interessensvertretung für Pensionisten.

Die Arbeitnehmervertreter haben es verabsäumt sich jener anzunehmen, die vom Abbau sozialer Standards am meisten betroffen sind. Sie haben diese Gruppe von Menschen schlichtweg im Stich gelassen. Warum also sollten diese Menschen sozialdemokratische Parteien wählen bzw. Mitglied einer Gewerkschaft werden?

Gewerkschaften als Besitztstandwahrer

Gewerkschaften und Arbeitnehmerparteien haben sich zu Interessensvertretungen von Besitzstandwahrern gewandelt. Die in den Anfängen der Arbeiterbewegung hoch im Kurs stehende (auch internationale) Solidarität gibt es nicht mehr. Gewerkschaften sind zersplittert in Teilgewerkschaften und Untergruppen. Jede dieser Teilorganisationen versucht für ihre Klientel das Beste zu erreichen, dabei geht der Blick für das Gesamte, für die Interessen der Arbeitnehmer insgesamt, verloren.

Neben dem Verlust der Solidarität auf nationaler Ebene ist im Zuge der Globalisierung auch die Solidarität auf internationaler Ebene verloren gegangen. Kam es in den 70-er Jahren noch zur Solidarisierung mit Freiheitsbewegungen in Afrika und Lateinamerika, werden wegen der Globalisierung Arbeitnehmer in nicht entwickelten Ländern als Konkurrenten gesehen. Durch die Verlagerung von Produktionen in Billiglohnländer üben Arbeitgeber Druck auf Arbeitnehmer aus. Die Folge sind Lohndumping und der Abbau sozialer Standards. Gewerkschaften und Arbeiterparteien haben bislang kein Mittel gefunden, dieser Entwicklung Einhalt zu bieten mit dem Effekt, dass sich die betroffenen Arbeitnehmer in den entwickelten Ländern von ihren Arbeitnehmervertretern im Stich gelassen fühlen. Sie fühlen sich ohnmächtig dieser Entwicklung ausgesetzt und sie empfinden das Unvermögen der Arbeitnehmervertreter, das sie als Abgehobenheit oder als Ohnmächtigkeit sehen.

Automatisierung und Rationalisierung als Jobkiller?

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht können Automatisierung und Rationalisierung Maßnahmen zur Sicherung des Wachstums eines Unternehmens sein. Gesamtwirtschaftlich ergibt sich eher ein gegenteiliger Effekt. Weil der Faktor Arbeit zum bestimmenden Kostenfaktor geworden ist, zielen Automatisierung und Rationalisierung auf die Freisetzung von Arbeitskräften. Mit immer leistungsfähigeren Maschinen können mit immer weniger Arbeitskräften immer mehr Produkte und Waren produziert werden.

Durch die Automatisierung hat bislang der Niedriglohnsektor [28] am meisten gelitten. Inzwischen kommt auch der Dienstleistungssektor immer stärker unter Druck (z.B. Kellner, Köche, Angestellte im Einzelhandel, in der Verwaltung, in Banken). Aufgrund der hohen Anzahl von Beschäftigten im Niedriglohn- und im Dienstleistungssektor kommt eine Welle von Arbeitslosigkeit auf uns zu.

Auf der anderen Seite werden durch Automatisierung und Digitalisierung zwar neue Jobs geschaffen, jedoch können nicht alle, die durch Automatisierung freigesetzt wurden, auf die neu entstandenen Jobs umgeschult werden. Das neoliberale Credo, dass jeder, der Arbeiten möchte auch eine Arbeit findet, hat sich als nicht haltbar herausgestellt.

Die durch Automatisierung freigesetzten Arbeitskräfte müssten vom sozialen Netz des Staates aufgefangen werden. Dieses Netz wurde aber in den letzten Jahren mit dem Argument der Standortsicherung – auch unter Zustimmung sozialdemokratischer Parteien – immer weitmaschiger.

Dieses Netz wird ausschließlich durch Entgelte von Arbeitnehmern finanziert. Seit den 70-er Jahren geht allerdings der Anteil der Entgelte der Arbeitnehmer am Volkseinkommen stetig zurück, d.h. das Sozialsystem wird über einen immer kleiner werdenden Teil des Volkseinkommen finanziert. Seit damals wird über eine Verbreiterung der Bemessungsgrundlage über eine Wertschöpfungsabgabe diskutiert [29]. Bislang mit wenig Erfolg.

Auf die Arbeitnehmer wird in zweifacher Weise Druck ausgeübt. Durch Automatisierung und Rationalisierung wird die Zahl derer, dies das Sozialsystem finanzieren, reduziert, gleichzeitig wir aber die Zahl derer, die auf das Sozialsystem angewiesen sind vergrößert. Der finanzielle Druck, der auf den im Arbeitsprozess stehenden lastet, wird von Neoliberalen zum Argument für eine Reduktion von Sozialausgaben. Eine Verbreiterung der Bemessungsgrundlage durch eine Wertschöpfungsabgabe wird von ihnen als den Standort gefährdend abgelehnt.

Die sogenannten Modernisierungsverlierer, also Menschen ohne Perspektive, fühlen sich im Stich gelassen und zwar besonders von jenen, die die Interessen von Arbeitnehmer vertreten sollten.

Fazit

Das Problem der Linksparteien ist, dass sie sich mit einem System arrangiert haben, das genauso wenig wie etwa die Planwirtschaft auf Dauer funktionieren kann. Die freie, kapitalistische Marktwirtschaft funktioniert nur bei stetigem Wachstum. In einer endlichen Welt ist unendliches Wachstum nicht möglich. Der real existierende Kapitalismus funktioniert nicht!

Anstatt ein alternatives Modell zur Plan- und zur freien Marktwirtschaft zu entwickeln, haben sich die Linksparteien mit der Marktwirtschaft arrangiert und haben den Ansatz akzeptiert, mit Hilfe neoliberaler Konzepte den systemischen Fehler der freien Marktwirtschaft überwinden zu wollen. Das Vorhaben ist auf zweifache Weise gescheitert: Zum einen stecken die Volkswirtschaften der hoch entwickelten Länder nach wie vor in der Krise, zum anderen haben die Linksparteien ihre Wählerschaft nachhaltig in alle möglichen politischen Richtungen vertrieben.

Es steht zu befürchten, dass sie diesen Schaden nicht mehr gutmachen werden können.

Links

[1] Regierungsstatus sozialdemokratischer/sozialistischer Parteien in Europa im Jahr 2017

[2] Partie socialiste

[3] Partie comuniste francais

[4] Partition Comunista Italiano

[5] Partito Socialista Ialiano

[6] Partido Socialista Obrero Espanol

[7] Partido Socialista

[8] Patrido Comunista Portugues

[9] Labour Party

[10] Sveriges socialdemokratiska arbetareparti

[11] Sozialdemokratische Partei Deutschlands

[12] Sozialdemokratische Partei Österreichs

[13] Panellinio Sosialistiko Kinima

[14] Sozialdemokratische Partei der Schweiz

[15] Socialdemokraterne

[16] Arbeiderpartiet

[17] Sozialistische Internationale

[18] soziale Sicherheit

[19] soziale Gerechtigkeit

[20] Die Stahlkrise der 1970-er Jahre

[21] Schröder-Blair Papier

[22] Blairs Dritter Weg – Warmer Thatcherismus

[23] Neoliberalismus

[24] Vom Neoliberalismus im Allgemeinen und in Frankreich im Besonderen

[25] Armut im Alter

[26] Die Vorsorge-Lüge

[27] Scheinselbstständigkeit – Dienstnehmer trotz Selbstständigkeit

[28] Jobkiller Digitalisierung

[29] Wertschöpfungsabgabe

 

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