Reizthema Evolutionstheorie

Im Jahr 2004 verbannte die italienische Erziehungsministerin Letizzia Moratti die Evolutionstheorie aus dem Lehrplan für die Unterstufe. Mit Protesten erreichten Wissenschafter, Eltern und Lehrern eine Aufhebung dieser Anordnung.

Eine im Jahr 2011 im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlichte Studie [1] belegt, dass nur 28% aller Highschool-Lehrer in den USA Evolutionstheorie unterrechten. Laut Studie versucht die große Mehrheit der Lehrer die Konfrontation mit Kreationisten zu vermeiden und lehrt entweder beides oder nur einen begrenzten Teil der Evolutionsbiologie.

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In der Ausgabe vom 31. 5. 2017 berichtet die Presse [2] von einer Initiative rechtsklerikaler Intellektueller gegen die Lehre der Evolutionstheorie in Schulbüchern in Serbien.

Seit dem 1. 7. 2017 ist die Evolutionstheorie an türkischen Schulen aus dem Lehrplan gestrichen [3].

Der überwunden geglaubte Kampf zwischen Religion und Wissenschaft scheint wieder aufzubrechen.

Junge-Erde-Kreationisten

Auf Seiten der Anhänger von Schöpfungstheorien vertreten die Junge-Erde-Kreationisten die extremste Position. Für sie sind die im Schöpfungsbericht der Bibel genannten sechs Tage der Schöpfung und der anschließende Rasttag wörtlich zunehmen, als mit je 24 Stunden anzunehmen. Für sie ist das Leben auf der Erde nicht älter als 10.000 Jahre.

Mit dieser Vorstellung stehen sie in krassem Widerspruch zu den aktuell gültigen naturwissenschaftlichen Theorien von der Entstehung des Universums und des Lebens: der Urknall- und der Evolutionstheorie.

Zufolge dieser Theorien entstand das Universum vor etwa 13.8 Milliarden Jahren. Sterne, unser Sonnensystem und die Sonne entstanden in den ersten 6 Milliarden Jahren nach dem Urknall. Vor ca. 4 Milliarden Jahren entstand mit den ersten Einzellern das Leben auf der Erde und in der Folge alle weitern Lebewesen.

Dogma versus wissenschaftliche Theorie

Der zentrale Punkt in der Auseinandersetzung ist die Frage, wie sehr wir in der Lage sind, zu erklären wie die Welt entstanden ist und wie sich das Leben auf der Erde entwickelt hat.

Neben dem eigentlichen Inhalt der jeweiligen Theorie geht es ganz besonders um die Frage, wie sehr wir darauf vertrauen können, dass eine Theorie stichhaltig ist, dass sie die Welt richtig beschreibt. Wie können wir gewiss sein, dass eine Theorie richtig ist?

Schöpfungstheoretiker und Naturwissenschaftler beziehen ihre Gewissheiten aus völlig unterschiedliche Ansätzen.

Die Postion der Vertreter der Schöpfungstheorie

Schöpfungstheorien gibt es in allen Kulturen [4]. Diesen Theorien ist gemein, dass sie postulieren, dass die Welt nicht aus dem Nichts ohne äußeres Zutun entstanden sein könne. Es muss einen Schöpfer geben, der die Welt so wie wir sie kennen und wahrnehmen, geschaffen bzw. erschaffen hat.

Diesem Schöpfer werden besondere Fähigkeiten zugesprochen: Er ist allmächtig, er ist allwissend. Ein Spezifikum in den Abraham-Religionen (Judentum, Christentum und Islam) ist es, dass dieser Gott neben allen anderen Lebewesen ein ganz besonders Wesen geschaffen hat: Den Menschen. Das spezielle daran ist, dass er den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat.

Dadurch kommt dem Menschen unter all den von Gott geschaffenen Lebewesen eine besondere Rolle zu. Der Schöpfer tritt mit dem Menschen in einen Dialog. Er teilt den Menschen seine Normen, Gebote und Verbote mit, die in der Regel in heiligen Schriften festgehalten werden. Der Mensch verdankt, so wie alle anderen Kreaturen auch, seine Existenz diesem Schöpfer, der Schöpfer gibt Leben und er nimmt Leben. Der Schöpfer ist der Quell und das Ziel allen Lebens.

Die in den heiligen Schriften festgehaltenen Inhalte werden als absolute Wahrheiten betrachtet, weil sie ja von einem allwissenden Gott kommen.

Das Problem bei religiösen Wahrheiten ist, dass es, im wahrsten Sinn des Wortes, Glaubenswahrheiten sind. Dies bedeutet, dass diese Inhalte dadurch zu Wahrheiten werden, dass man an ihre Richtigkeit glaubt. Bedenken und Unsicherheit im Glauben werden nicht als Zeichen dafür gewertet, dass Glaubensinhalte falsch sein könnten, sondern dass der Gläubige zu wenig an deren Richtigkeit glaubt. Nur wer fest und innig die religiösen Inhalte glaubt, wird frei von Zweifel sein und Erlösung und/oder Erleuchtung finden.

Dieses Prinzip ermöglicht aber auch Aberglaube in jeder Form. Jede noch so absurde Idee kann zu einer selig machenden Religion stilisiert werden, einfach dadurch, dass man fest genug an die Richtigkeit der Idee glaubt.

Dieses Prinzip ermöglicht aber auch, dass völlig kontroverse Religionen nebeneinander existieren, wobei jede für sich in Anspruch nimmt, die einzige absolut wahre Religion zu sein. Den Menschen stehen keine objektiven Kriterien zur Verfügung, zu entscheiden, welche dieser Religionen nun wirklich die einzig wahre ist. Sie können sich nur für eine entscheiden und versuchen, deren Inhalte möglichst vollständig zu verinnerlichen. Dadurch verschwinden etwaige Zweifel, die Religion wird zu dem, was sie für sich in Anspruch nimmt: Eine absolute Wahrheit.

Der naturwissenschaftliche Ansatz

Der naturwissenschaftliche Ansatz bei der Erstellung von Theorien folgt dem von Sir Karl Popper [5] formulierten Prinzip der Falsifikation:

Die grundlegenden Aussagen der Erfahrungswissenschaften (Hypothesen, grundlegende Sätze in Theorien, Gesetze) müssen fasifizierbar, also als falsch nachweisbar sein.

Diesem Prinzip liegt also der Gedanke zugrunde, dass die Gültigkeit naturwissenschaftlicher Theorien nicht bewiesen werden kann. Naturwissenschaftliche Theorien können nur falsifiziert werden. Sie gelten so lange als gültig, solange kein Sachverhalt bekannt wurde, der im Widerspruch zur Theorie steht. Im Fall eines auftretenden Widerspruchs gibt es folgende Möglichkeiten:

  1. Modifikation der Theorie, sodass der Widerspruch aufgelöst wird. Dabei muss sichergestellt sein, dass die so modifizierte Theorie auch alle bislang bekannten Sachverhalte weiterhin korrekt beschreibt.
  2. Verwerfen der Theorie und Entwurf einer neuen, verbesserten Theorie.

Naturwissenschaftliche Theorien gewähren keine absolute Sicherheit. Das Prinzip der Falsifikation führt jedoch zu einer stetigen Erweiterung und Verbesserung der Theorien. Das Bild, das sie uns von der Welt vermitteln, wird immer schärfer und immer genauer.

Im Gegensatz zu religiösen Wahrheiten werden naturwissenschaftliche Wahrheiten nicht dadurch wahr, dass man an ihre Richtigkeit glaubt, sondern dadurch, dass man sie stets in Frage stellt und ihre Richtigkeit stets an der Realität prüft.

Das Dilemma der Schöpfungstheoretiker

Schöpfungstheoretiker stehen vor dem Problem, dass sie, basierend auf Inhalten alter Schriften, die Inhalte naturwissenschaftlicher Theorien für falsch erklären. Wenn sie dies tun, dann müssen sie auch begründen, warum diese Theorien falsch sind. Sie müssen erklären, wo und warum diese Theorien im Widerspruch zur Wirklichkeit stehen.

Die Theorie der jungen Erde

Mit der Vorstellung, dass das Universum in sechs Tagen entstanden erschaffen worden sei, erklären die Junge-Erde-Kreationisten die Urknall Theorie für falsch. Diese Theorie ergibt sich aus den Erkenntnissen der Relativitäts- und der Quantentheorie. Beide Theorien existieren nun seit ca. 100 Jahren und wurden in unzähligen Experimenten bestätigt. Entsprechend dem Falsifikations-Prinzip sind diese beiden Theorien als gültig anzusehen.

Unsere moderne Welt ist ohne die Erkenntnisse der Relativitäs- bzw. der Quantentheorie nicht vorstellbar. Kernspaltung, Kernverschmelzung, d.h. die Nutzung von Kernenergie, sowohl in friedlicher wie in militärischer Weise, sind direkte Ergebnisse dieser Theorien. Sämtliche Anwendungen in der Mikroelektronik basieren auf Erkenntnissen der Quantenphysik.

Neben all den mehr oder weniger nützlichen Dingen, die aus diesen Theorien entwickelt wurden, sagen uns die Gleichungen dieser Theorien aber auch, dass sich das Universum seit 13.82 Milliarden Jahren ausdehnt, dass es vor ca. 13.82 Milliarden Jahren auf einen winzigen Punkt konzentriert war und aus dem was als Urknall bezeichnet wird, entstanden ist.

Gestützt wird diese Theorie durch die vom Hubble-Teleskop im Jahre 2009 gemachte Entdeckung der Galaxie UDFy-38135539 [6]. Die Auswertung der Rotverschiebung des Lichtes dieser Galaxie ergab, dass sie 13,2 Milliarden Lichtjahre von uns entfernt ist. Dies wiederum bedeutet, dass das Licht dieser Galaxie, das wir heute empfangen, vor 13.2 Milliarden Jahren ausgesandt wurde. Daraus folgt, dass diese Galaxie mindestens 13.2 Milliarden Jahre alt sein muss, was klar im Widerspruch zur Theorie der Jungen-Erde steht.

Im Jahr 2013 veröffentlicht die ESA eine Aufnahme der ältesten Lichtstrahlung im All [7], die bisher detektiert werden konnte. Sie ist 13,82 Milliarden Jahre alt. Diese Aufnahme wurde vom Weltraumteleskop Planck gemacht und ist eine Aufzeichnung der kosmischen Mikrowellen-Hintergrundstrahlung. Die Urknalltheorie hat die Existenz einer derartigen Strahlung vorausgesagt. Die Aufnahmen von Teleskop Planck haben damit diese Theorie bestätigt und weiter verfestigt.

Die Theorien der modernen Physik [8] sagen die Existenz von Protosternen, Gelben-, Blauen-, Roten- und Überriesen, Gelben-, Braunen-, Roten-, Weißen- und Blauen-Zwergen, Neutronensternen und schwarzen Löchern voraus [9]. All diese Sterne durchlaufen einen Lebenszyklus mit einer Lebensdauer, die im Wesentlichen von der Masse eines Sterns abhängig ist. Je massereicher ein Stern ist, desto schneller verbraucht er seinen Brennstoff. Die massereichsten Sterne verbrauchen ihren Brennstoff in wenigen hunderttausend Jahren. Unsere Sonne hat nach 4,5 Milliarden Jahren gerade erst  die Hälfte ihrer Lebenszeit erreicht. Rote Zwerge sind so massearm, dass sie eine Lebenszeit von mehreren Milliarden Jahren erreichen können.

All diese Voraussagen konnten durch Beobachtungen mittels Teleskopen aller Art bestätigt werden. Aus den beobachteten Massen und der Helligkeit der Sterne kann man schließen, dass der Großteil der Sterne vor 10 Milliarden Jahren entstanden ist. Die Entstehung von Sternen ist damit nicht abgeschlossen, neue Sterne bilden sich auch heute noch.

All diese Beobachtungen sind in keiner Weise mit der wörtlich genommenen Schöpfungsgeschichte zu vereinbaren. Auf der einen Seite steht eine naturwissenschaftliche Theorie, die in guter Übereinstimmung mit all diesen Beobachtungen steht, auf der anderen Seite steht eine vor über 2000 Jahren verfasste heilige Schrift,  die in wörtlicher Auslegung in krassem Widerspruch zu den Beobachtungen steht. Da genügt es nicht, sich darauf zu berufen, dass es sich bei diesen Texten um eine göttliche Offenbarung handelt. Die Anhänger einer wörtlichen Auslegung der Schöpfungsgeschichte müssen schon nachweisen, dass sich die Wissenschaftler geirrt haben.

Unsere Erde ist 4,5 Milliarden Jahre alt [10]. Wichtig ist, dass man mit unterschiedlichen Methoden immer wieder auf diesen Wert gestoßen ist. Wenn Anhänger der Jungen-Erde Theorie dieses Alter anzweifeln, müssen sie begründen, wie es möglich sein soll, dass unterschiedliche Methoden das gleiche falsche Ergebnis liefern, warum sich unterschiedliche Methoden auf die gleiche Wiese irren.

Homo sapiens oder Neanderthaler, welchen Menschen hat Gott erschaffen?

Kommen wir nun zu einem weiteren Problem, mit dem sich Anhänger der Jungen-Erde-Theorie konfrontiert sehen.

In Mettmann in NRW gibt es ein Museum in dem Funde einer nach ihrem bedeutendsten Fundort benannten Menschenart ausgestellt werden: Dem Neanderthaler.

Der Neanderthaler ist nicht eine Vorform des heutigen Menschen, des Homo sapiens, sondern eine eigene Menschenart. Beide Arten haben sich aus der gemeinsamen Vorform des Homo erectus entwickelt. Der Neanderthaler lebte vor ca. 400.000 Jahren. Vor etwa 30.000 Jahren stirbt er aus. Die Gründe für sein Aussterben sind unklar. Die Fundorte erstrecken sich von Spanien über Frankreich, Deutschland, Süd-, Osteuropa bis nach China.

Sein Aussterben könnte mit dem Eintreffen des heutigen modernen Menschen in Europa vor ca. 40.000 Jahren zusammenhängen. Gesichert ist, dass der Neanderthaler und der Homo sapiens über tausende von Jahren gemeinsam und nebeneinander lebten. Gesichert ist auch, dass es sexuelle Kontakte zwischen den beiden Menschenarten gegeben hat. Im Genom heutiger Europäer stammen 1% – 3% vom Neandertaler.

Aus den mehr als 300 Skelettfunden ergeben sich vier einzigartige Merkmale des Neanderthaler-Schädels:

  • Der Hinterhauptwulst, eine knöcherne Leiste, die quer über das Hinterhauptsbein am Hinterkopf verläuft.
  • Über dem Hinterhauptwulst liegt eine ovale Vertiefung (Fossa suprainiaca), ein weiteres ausschließliches Neanderthaler-Merkmal.
  • Weiter vorn an der Schädelbasis findet sich das dritte Merkmal, ein ausgeprägter occipito-mastoidaler Kamm (heute oft als Juxtamastoid-Kamm bezeichnet), dieser liegt im Mastoid-Fortsatz.
  • Schließlich besitzen Neandertaler oben auf dem Mastoid-Fortsatz eine deutliche, gerundete Erhöhung, die Tuberositas mastoidalis. Diese schräg nach hinten und oben verlaufende Erhöhung ist bei anderen Menschenformen anders entwickelt oder fehlt.

Weitere Merkmale, die die Unterschiede zwischen Homo sapiens und dem Neanderthaler ausmachen, werden in [11] beschrieben.

Diese Ergebnisse der Paläontologie und der Evolutionären Entwicklungsbiologie werden von Anhängern der Jungen-Erde Theorie nicht anerkannt.

Für sie ergibt sich allerdings ein Dilemma: Entsprechend der Schöpfungsgeschichte wurde der Mensch von Gott geschaffen.

Die Funde von Neanderthaler Skeletten belegen, dass zeitgleich zwei unterschiedliche Menschenarten gelebt haben. Diese Menschenarten sind miteinander so verwandt, wie es etwa Schimpanse und Gorilla sind. Welche dieser Menschenarten hat Gott nun geschaffen?

Wenn man bei der wörtlichen Auslegung der Schöpfungsgeschichte bleibt, so wie dies die Anhänger der Jungen-Erde Theorie tun, ist man mit einem nicht auflösbaren Widerspruch konfrontiert.

Die Fakten lassen sich nicht bestreiten, denn es gibt über 300 Skelette von Menschen, die sich stark vom heutigen Mensch unterscheiden. Aus der gleichen Zeitspanne gibt es Funde anderer Skelette, die denen heutiger Menschen entsprechen. Es geht aber nicht nur um den Aufbau und die Struktur von Skeletten, es geht auch um die Genstruktur. Diese ist so unterschiedlich, dass man von zwei unterschiedlichen Menschenarten sprechen muss. Also, wenn man an einen Schöpfer glaubt, dann muss er mindestens zwei Menschenarten geschaffen haben. Warum wird das in den Schöpfungsberichten so nicht erwähnt?

Bei einer weniger strengen Auslegung des Schöpfungsberichts täte sich die Option auf, diesen Sachverhalt mit der Geschichte von Kain und Abel erklären. Der moderne Mensch hat seinen Bruder, den Neanderthaler „erschlagen“.

Der Neanderthaler widerspricht der Jungen-Erde Theorie

Obwohl der Neanderthaler ausgestorben ist, bereitet er den Vertretern der Junge-Erde Theorie ein Problem. Auch der Umstand, dass sich im Erbmaterial des heutigen Europäers 1% – 3% vom Erbmaterial des Neandethalers findet, steht im Widerspruch zur Jungen-Erde Theorie. Beim Menschen dauert es ca. 8000 Jahre bis sich ein Erbmerkmal, das sich bei einem Individuum ausgebildet hat, in der gesamten Population verbreitet hat. Nachdem es sich bei den 1% – 3% der Erbanlagen um mehr als ein Erbmerkmal handelt, können die 10.000 Jahre, die die Vertreter der Jungen-Erde Theorie für die Existenz von Leben auf der Erde annehmen, bei weitem nicht ausreichen.

Ist der Mensch die Krone der Schöpfung?

Dem Schöpfungsbericht des Alten Testaments zufolge ist der Mensch die Krone der Schöpfung. Worauf bezieht sich dieses Prädikat „Krone“? Wenn dem Menschen dieses Prädikat zukommt, dann muss sich der Mensch in irgend einer Form von allen anderen Lebewesen abheben. Körperliche Merkmale können es wohl nicht sein. Traditionell werden die Denkfähigkeit, die Fähigkeit zur Selbstreflexion, die Fähigkeit Gefühle zu empfinden und die Sprache als die wesentlichen Unterschiede gesehen.

Die Biologie und die Verhaltensforschung hat uns gelehrt, dass all diese Fähigkeiten auch im Tierreich vorkommen [19]. Auch Tiere zeigen intelligentes Verhalten, auch Tiere können Gefühle empfinden und ausdrücken, auch Tiere können kommunizieren und auch Tiere haben die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis.

Dies bedeutet, dass all die Merkmale, die wir für spezifisch menschlich halten, nicht exklusiv menschliche Merkmale sind. Vielmehr zeigt sich, dass diese Merkmale in unterschiedlicher Ausprägung  bei allen Tieren vorkommen. So wie die Fähigkeit zu sehen in unterschiedlicher Ausprägung vorkommt, findet sich auch das Merkmal Intelligenz bei Tieren, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Am stärksten ausgeprägt ist diese Eigenschaften bei unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen [20].

Elefant, Delfine, Schimpansen, Elstern, Gorillas, Bonobos,  Orang-Utans und Orcas haben die Fähigkeit, sich selbst zu erkennen, sie bestehen den Spiegeltest. Sie haben also das, was wir ein Ich nennen, etwas das Schöpfungstheoretiker exklusiv dem Menschen zusprechen. Aus der Sicht der Evolutionsbiologie ist es selbstverständlich, dass sich eine Fähigkeit nicht nur in einer Tierart entwickelt, sondern sich prinzipiell in allen Tierarten entwickelt. Entwickelt wird eine Fähigkeit nur dann, wenn sie überlebenswichtig ist und dann auch nur in dem Umfang, der zum Überleben nötig ist. Wenn eine Fähigkeit bei einer Tierart nicht vorkommt, heißt dies nicht, dass sie ausschließlich Menschen zukommt.

Und die Evolution funktioniert doch!

Ein von Kritikern der Evolutiontheorie immer vorgebrachtes Argument ist, dass durch zufällige Mutationen keine komplexen Strukturen enstehen können. Ein beliebtes Beispiel, das diese These stützen soll, ist die scheinbare Unmöglichkeit, durch zufälliges Anordnen von Buchstaben, einen Roman zu verfassen.

Schneeflocken sind sehr komplexe Gebilde. Eine 0,004g schwere Schneeflocke besteht aus 5,90203537· 10^19 Molekülen, das ist, aufgerundet, eine 6 mit 19 Nullen. Wenn man Schneeflocken betrachtet, dann stellt man fest, dass sie sich in ihrem Aussehen unterscheiden. Keine Schneeflocke gleicht einer anderen, Schneeflocken sind einzigartig. Trotz all ihrer Unterschiedlichkeit haben sie eines gemeinsam. Sie bilden symmetrische Muster, alle Schneeflocken haben sechs Symmetrieachsen.

Berechnet man die Wahrscheinlichkeit, dass sich 5,90203537· 10^19 Moleküle in einer ganz bestimmten, einzigartigen Struktur anordnen, dann liegt dieser Wert sehr, sehr nahe bei Null. Damit ist praktisch ausgeschlossen, dass sich Wassermoleküle zufällig in der Form einer ganz bestimmten Schneeflocke anordnen. Dennoch tun sie es. Warum?

Die Bildung von Schneeflocken erfolgt nicht zufällig. Sie basiert auf physikalischen Gesetzen. Allerdings spielen dabei so viele Parameter eine Rolle, dass es im Grunde nicht möglich ist, vorherzusagen, welche Form eine Schneeflocke annehmen wird. Es verhält sich so ähnlich wie bei der Wettervorhersage. Je mehr Parameter in die Berechnung einfließen, desto genauer fällt die Wettervorhersage aus. So auch bei Schneeflocken. Je mehr Parameter in die Berechnung einfließen, desto genauer kann man sagen, welche Form eine Schneeflocke annehmen wird.

Was haben nun Schneeflocken mit der Evolution zu tun?

Entgegen der weit verbreiteten Meinung verläuft Evolution nicht zufällig. Sie basiert, so wie die Bildung von Schneeflocken, auf naturwissenschaftlichen Gesetzen. Geläufig ist die Vorstellung, dass durch zufällige Änderungen des Erbmaterials neue Individuen entstehen, die mehr oder weniger gut an ihre Umwelt angepasst sind. Die weniger gut angepassten Individuen werden ausselektiert, während die besser angepassten ihr Erbmaterial an ihre Nachfahren weiter geben können.

Das Prinzip der Selektion ist streng deterministisch, es scheint das Element der Mutation zu sein, das uns den Verlauf der Evolution als zufällig erscheinen lässt. Aber Mutationen erfolgen nicht zufällig. Vielmehr ist es so wie bei den Schneeflocken. Die Gründe für Mutationen sind so vielfältig, dass es schwer bis unmöglich ist, nachzuvollziehen, warum eine Mutation erfolgt ist. Letztlich ist es auch gleichgültig, aus welchem Grund eine Mutationen aufgetreten ist, entscheidend ist, dass sie stattfinden.

Wenn so viele Variable im Spiel sind, ist es für Naturwissenschaftler einfacher, mit Wahrscheinlichkeiten zu operieren. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung ist ein Werkzeug mit dem man einen Prozess beschreiben kann, das heißt aber nicht, dass der mit diesem Werkzeug beschriebene Prozess notwendigerweise auch zufällig abläuft.

Leben als Erkenntnis gewinnender Prozess

Der Satz in der obigen Überschrift ist ein Zitat von Konrad Lorenz. Nach Konrad Lorenz beginnt der Prozess des Erkenntnisgewinns schon auf der molekularen Ebene der Erbinformation. Er läuft nach dem von Darwin beschriebenen Schema des Wechselspiels von Modifikation des Erbmaterials und der Auslese von besser bzw. schlechter angepassten Individuen.

Betrachten wir den Prozess des Erkenntnisgewinns am Beispiel von Zecken. Zecken haben kein Gehirn, sie können nicht lernen so wie Menschen es können. Da stellt sich natürlich die Frage, wie erkennen Zecken ihre Wirte? Sie müssen nicht lernen, wie ein Wirt aussieht, die entsprechenden Informationen sind in ihrem Genmaterial gespeichert. Zecken haben in ihren Genen eine sehr effiziente und einfache Beschreibung ihrer Opfer gespeichert. Potentielle Opfer riechen nach Buttersäure (ist in deren Schweiß enthalten) und haben eine Temperatur von ca. 37° Celsius. Wenn eine Zecke auf ein Objekt trifft, das nach Buttersäure riecht und eine Temperatur von 37° Celsius hat, sticht er zu, auch dann, wenn man ihm als „Wirt“ einen mit Buttersäure bestrichenen Stein unterschiebt, der auf 37 °C erwärmt wurde. Diese abstrakte Beschreibung des Begriffs Wirt wurde im Laufe der Evolution im Erbmaterial der Zecken abgespeichert.

Der Prozess des Erkenntnisgewinns kann ungesteuert ablaufen, dies ist in der Natur auch überwiegend der Fall. Er kann aber auch gesteuert und kontrolliert ablaufen, dies geschieht immer dort, wo Lebewesen auf bestimmte Eigenschaften hin gezüchtet werden. Zucht ist nichts anderes, als vom Menschen gesteuerte Evolution. Der Züchter legt die Selektionskriterien fest, er entscheidet auch, welches Individuum sich mit welchem anderen paaren darf. Dies tut er in der Hoffnung, dadurch für ihn günstige Mutationen auszulösen. Alle Haustierarten, alle Pflanzen, die in der Landwirtschaft genutzt werden, wurden durch gesteuerte Evolution herausgezüchtet.

Dies zeigt, dass das Prinzip Evolution funktioniert und zwar nicht nur unter von Menschen vorgegebenen Bedingungen. Es wirkt auch unter natürlichen Bedingungen und es wirkt auch heute noch. In höchst unangenehmer Weise wird uns dies bewusst, wenn wir erkranken und die Krankheit durch einen gegen Antibiotika resistenten Erreger ausgelöst wurde. Wegen der um Größenordnungen höheren Vermehrungsrate von Bakterien können sich neu erworbene Erbmerkmale wie Resistenzen bei Bakterien entsprechend schneller durchsetzen.

Ist der Zufall wirklich blind?

Am 4.4.2009 veröffentlicht Spiegel Online einen Beitrag mit dem Titel „Computer entdeckt selbstständig Naturgesetze„.

In diesem Beitrag geht es um zwei Computer, der eine entwickelt selbstständig biochemische Experimente und der andere entdeckt selbstständig Naturgesetze. Letzterer Computer hat eine Formel zur Berechnung der Bewegung eines Doppelpendels gefunden. Solche Pendel sind einfache nichtlineare Systeme, die chaotisches Verhalten zeigen. Die Software, die diese Formel gefunden hat, hatte keinerlei Vorkenntnisse in Physik, Kinematik und Geometrie. Dennoch hat die Software nach 30 – 40 Stunden die Formel gefunden.

Das besondere an dieser Software ist, dass sie das Konzept evolutionärer Algorithmen [21] nutzt. Diese Algorithmen sind Optimierungsverfahren, die die Evolution natürlicher Lebewesen simulieren.

Veranschaulicht am Beispiel des Doppelpendels bedeutet dies, dass die Software Formeln nach dem Zufallsprinzip erstellt. Anschließend wird überprüft, wie gut diese Formeln die Bewegung des Doppelpendels beschreiben. Von den getesteten Formeln werden von den Besten zufällig veränderte Kopien generiert, die dann wiederum auf ihre Tauglichkeit überprüft werden. Dieses Spiel wird solange betrieben, bis mindestens eine Formel die Bewegung des Doppelpendels mit der gewünschten Genauigkeit beschreibt.

Für evolutionäre Algorithmen gibt es eine große Zahl von Anwendungsbereichen: sie werden in der Wirtschaft, in der Forschung, sogar in Kunst und Musik eingesetzt.

Evolutionäre Algorithmen zeigen, dass das zufällige Wechselspiel von Mutation und Selektion in der Lage ist, komplexe Systeme zu bilden. In evolutionären Algorithmen spann man den „blinden“ Zufall vor den Karren des Erkenntnisgewinns und und das schöne dabei ist, es funktioniert.

Fazit

Es ist bemerkenswert, dass bei der bestehenden Faktenlage der Trend scheinbar in Richtung Leugnung der Evolutionstheorie geht. Es ist evident, dass ein Negieren der Evolutionstheorie a  la lounge keinen Bestand haben kann. Insofern bleibt es unverständlich, was Anhänger religiöser Schöpfungsmythen antreibt, Interpretationen aufrecht zu erhalten, die offensichtlich im Widerspruch zur Realität stehen. Damit fügen sie dem Ansehen ihrer Religionen weit mehr Schaden zu, als dies die Evolutionstheorie je könnte. Wer an offensichtlich Falschem unbeirrt festhält, wird als unbelehrbar und inkompetent wahrgenommen. Nur wer in der Lage ist, seine Vorstellungen auf Richtigkeit hin zu überprüfen und gegebenenfalls auch zu korrigieren, wird mit Achtung und Wertschätzung rechnen können.

Links

[1] USA: Kaum Evolutionstheorie im Klassenraum

[2] Serbien: Schöpfung statt Evolution in Schulbüchern

[3] Aufschrei über Streichung von Evolutionstheorie

[4] Schöpfung

[5] Falsifikation statt Verifikation

[6] UDFx-38135539

[7] Das Universum ist 13,82 Milliarden Jahre alt

[8] Sternarten

[9] Sterne

[10] Wie alt ist die Erde und woher wissen wir das?

[11] Neandertaler

[12] Prähistorische Archäologie

[13] Ururahnen der Europäer

[14] Vorstoß in ein menschenleeres Europa

[15] Das Archiv der Knochen

[16] Wie Evolution nicht funktioniert

[17] Survival of the fittest – Optimierung mittels Genetischer Algorithmen

[18] Computer entdeckt selbstständig Naturgesetze

[19] So intelligent sind Tiere

[20] Wie intelligent sind Affen wirklich?

[21] Evolutionärer Algorithmus

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