Die Geschichte wiederholt sich

Das 1992 postulierte Ende der Geschichte ist nicht gekommen. Im Gegenteil, die Geschichte scheint sich zu wiederholen.

Von vielen Kommentatoren wird die Entwicklung in den Staaten Europas und jener in den USA mit der Situation in den 20-iger bzw. 30-iger Jahren des vorigen Jahrhunderts verglichen.

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Vordergründig betrachtet gibt es Parallelen. Etwas genauer betrachtet zeigt sich, dass sich die heutige Weltlage viel eher mit jener des 19- Jahrhunderts vergleichen lässt. Damals wie heute kommt es zu umwälzenden technischen Erneuerungen und in deren Folge zu massiven wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüchen.

Das 19. Jahrhundert – eine Gesellschaft im Umbruch

Der Kapitalismus als historische Epoche

Der Kapitalismus beginnt sich, angetrieben durch die von England ausgehende industrielle Revolution, mit dem Anbruch der Moderne ab dem Wechsel vom 18. zum 19. Jahrhundert durchzusetzen. Damit verbunden ist die Überwindung der Feudalgesellschaft durch bürgerliche Revolutionen, die Bauernbefreiung, die Beseitigung des Zunftzwanges. Der vormalige dritte Stand der europäischen Gesellschaft, das revolutionäre Bürgertum, entwickelt sich in seinen kapitalträchtigen Teilen zur Bourgeoisie und löst im Lauf vergleichsweise weniger Jahrzehnte den noch herrschenden Adel und die regierenden Fürstenhäuser Europas auch in ihrer politischen Vormachtstellung nach und nach ab.

So beeindruckend das Wachstum der neuen Industrie in einigen Gegenden auch war, so reichten diese Impulse lange Zeit nicht aus, um die wachsende Bevölkerung vernünftig zu beschäftigen und zu ernähren.

Hinzu kam, dass der Zusammenbruch der alten Gewerbe und die Krise des Handwerks die soziale Not noch verschärften. Davon betroffen war vor allem das vielfach überbesetzte produzierende Handwerk.

Carl Wilhelm Hübner: Die schlesischen Weber (1844)

Mittelfristig kamen aus diesen Gruppen große Teile der Fabrikarbeiter, längerfristig jedoch bedeutete die Industrialisierung eine Verarmung für zahlreiche Menschen. Mit den Gewinnmöglichkeiten ging zunächst der Lebensstandard zurück, ehe ein Großteil etwa der Heimgewerbetreibenden erwerbslos wurde. Am bekanntesten sind in diesem Zusammenhang die schlesischen Weber.

Analog zur heutigen Situation gab es auch damals Modernisierungsgewinner (das Bürgertum) und Modernisierungsverlierer (Feudalgesellschaft, Gewerbe, Handwerk, Fabrikarbeiter).

Globalisierung

Heute wird Globalisierung als modernes Phänomen gesehen, das erst in den letzten Jahrzehnten akut wurde. Auf die Frage, wann die Globalisierung wirklich begonnen hat, gibt es unter Wirtschaftshistorikern unterschiedliche Antworten.

Wenngleich manche Wirtschaftshistoriker den Beginn der Globalisierung mit der Expansion Europas zu Beginn der Neuzeit ansetzen, steht außer Streit, dass es mit dem Einsetzen der Industriellen Revolution zu einem massiven Anschub der Globalisierung gekommen ist. Erstmals in der Geschichte gibt es eine industrielle Massenfertigung auf mechanischer und nicht mehr nur handwerklicher Basis. Dies führt auf der einen Seite zu einem wachsenden Rohstoffbedarf (z.B. Baumwolle) und auf der anderen Seite zu einer Produktion, die auch für den Export bestimmt war.

Napoleon im Arbeitszimmer mit Hand in der Weste (Gemälde von Jacques-Louis David, 1812)

Insbesondere die französische Kontinentalsperre der Jahre 1807-1814 sorgte dafür, dass englische Baumwolltextilien vom europäischen Kontinent nach Nord- und Südamerika und sogar nach Asien umgelenkt wurden. Was die überlegene Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industriewaren allein nicht schaffte, besorgte anschließend die britische, französische und amerikanische „Kanonenbootdiplomatie“ seit Mitte des 19. Jahrhunderts zur Öffnung der noch nicht kolonialisierten Länder Asiens wie z.B. China, Japan und Siam (Thailand).

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wird die Globalisierung schließlich durch eine Reihe technischer Entwicklungen weiter angetrieben.

Hölzerne, langsam und unregelmäßig verkehrende Segelschiff werden durch das eiserne Dampfschiff ersetzt.

Der Eisenbahnbau wird auch außerhalb von Europa und Nordamerika vorangetrieben. Gefrierverfahren werden erfunden und Kühlhäuser und Kühlschiffe gebaut. Der Telegraph findet Verbreitung, Seekabel werden verlegt und die Schifffahrtslinien nehmen ihren Dienst auf.

Erst seitdem nahm der internationale Handel einen wirklichen quantitativen Aufschwung, erstreckte sich die internationale Arbeitsteilung nicht nur auf Luxusgüter, sondern auch auf Massengüter, weil die sinkenden Transportkosten dieses rentabel werden ließen.

Erst jetzt kam es zur Erschließung der Böden und Bodenschätze des Hinterlands in Übersee, waren nicht nur Inseln und Küstensäume in die globale Wirtschaft einbezogen. Jedenfalls, so lautet das Argument, war die relative Bedeutung des Welthandels, aber auch der internationalen Finanztransaktionen, gemessen am jeweiligen Weltaufkommen vor dem Ersten Weltkrieg nicht geringer als heute.

Gründerzeit – Gründerkrach

Der Schwarze Freitag an der Wiener Börse, 9. Mai 1873, Holzschnitt (1873)

Die wirtschaftliche Entwicklung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts führt, speziell in Deutschland und in Österreich zu einem umfassenden wirtschaftlichen Aufschwung in dem Unternehmensgründer in relativ kurzer Zeit reich werden konnten.

Die Börse wurde zu diesem Zeitpunkt zum Schauplatz zügelloser Spekulation. Die dabei erzielten Wertsteigerungen steigerten zusätzlich die Spekulationslust. Dies führte dazu, dass schon bald die Grundsätze seriöser Finanzierung außer Acht gelassen und auch Kredite langfristig vergeben wurden, die de facto durch kurzfristiges Kapital finanziert und infolgedessen nicht mehr gedeckt waren. Allgemein herrschte oft die naive Denkweise vor, die Banken könnten immer mehr Kapital zur Verfügung stellen. Viele Aktien waren überbewertet.

Folgen des rasanten wirtschaftlichen Aufstiegs waren unter anderem Überproduktion und die Schaffung von Überkapazitäten, die die Nachfrage überstiegen.

Dieser rasante Aufschwung führt letztlich zu einer Überhitzung der Konjunktur die 1873 in dem als Gründerkrach bezeichneten Börsenkrach der Wiener Börse mündet. Ab Mai 1873 begannen die Aktienkurse zu sinken und stürzten schließlich ins Bodenlose.

Die Gründerkrise trifft in der Folge nicht nur Österreich, sondern auch Deutschland, Ungarn, Italien, die Schweiz, England, Frankreich, die skandinavischen Länder, Russland und sogar die Vereinigten Staaten.

Die verheerendste Folge des großen Krachs war psychologisch. Das Versprechen von Reichtum und Aufstieg für alle schien vorerst gescheitert, in Kreisen kleiner Handwerker und Geschäftsleute stand nunmehr die Angst vor dem sozialen Abstieg durch die industrielle Konkurrenz im Vordergrund, außerdem war durch den Krach auch viel erspartes Kapital verloren gegangen. In diesen kleinbürgerlichen Kreisen verbreiteten sich rasch allerlei Verschwörungstheorien – insbesondere gewann der Antisemitismus massiv an Boden und wurde in den 1880er-Jahren zu einer breiten politischen Strömung.

Schutzzollpolitik und ihre Auswirkungen

Dem Gründerkrach folgt eine etwa zwanzigjährige Stagnationsphase, die Gründerkrise.

Die Gründerkrise hatte zur Folge, dass der Staat wieder mehr in die Wirtschaftsabläufe eingriff und sich somit vom Wirtschaftsliberalismus verabschiedete. Konkret bedeutete dies die Abkehr von der Idee des Freihandels.

Carl Spitzweg: Zollrevision (Päpstliche Zollwache), um 1880

Es war auch gleichzeitig der Beginn des Neo-Merkantilismus und in Deutschland von Bismarcks Schutzzollpolitik: Der Staat sollte jetzt, im Gegensatz zum Wirtschaftsliberalismus, wieder bedingt in die Wirtschaftssteuerung eingreifen. So führte man Schutzzölle auf ausländische Importe ein, um den deutschen Markt zu schützen. Im Deutschen Reich wurde das Preisniveau künstlich über dem des Weltmarktniveaus gehalten. Diese Zölle wurden sowohl auf Rohstoffe und Fertigwaren als auch auf landwirtschaftliche Erzeugnisse erhoben.

Tatsächlich erhöhten sich dadurch die Preise für Industriewaren, eine lang anhaltende Aufwärtsbewegung blieb jedoch aus. Die während der Gründerjahre geschaffenen Überkapazitäten existierten schließlich immer noch und konnten auch jetzt auch nicht im Ausland abgesetzt werden, da viele andere europäische Staaten ebenfalls zu protektionistischen Maßnahmen griffen.

Aufgrund der Einfuhrzölle stiegen in Der Folge die Lebenshaltungskosten an. Besonders Lebensmittel und Industriewaren wurden teurer. Bevor die Importzölle auf Getreide erhoben worden waren, war es erheblich günstiger, aus dem Ausland zu importieren. Durch die steigenden Zölle gingen die Importe zurück. Um die Jahrhundertwende lagen die Preise für Brot und andere Getreideprodukte bei etwa 130 Prozent des Weltmarktniveaus, während in der Landwirtschaft Vollbeschäftigung erreicht wurde.

Antisemitismus

Die Entwicklung in der Donau-Monarchie

Nach dem Börsenkrach von 1873  in Wien machte die Christlichsoziale Partei die Juden, die sie als Vertreter des Finanzkapitals erachteten, für die wirtschaftliche Misere verantwortlich. Das Judentum wird mit dem Liberalismus gleichgesetzt. Sebastian Brunner (1814-1893) schrieb in der „Wiener Kirchenzeitung“ unter dem Slogan „Liberalismus = Judentum„. Seit 1876 ist für Carl von Vogelsang (1818-1890) im Kampf gegen die das Handwerk zugrunderichtende aufstrebende Industrie „Kapitalismus = Judentum„.

Die deutschnationale Partei schürte einen rassistischen Antisemitismus, die deutschliberale Gesinnung des Großteils der Juden wurde als anbiedernde Assimilationspolitik denunziert. Gerade diese jüdischen Deutschliberalen wurden in den Nationalbewegungen der einzelnen Kronländer diskriminiert. 1885 legten die Christlichsozialen in ihrem Parteiprogramm den „Arier-Paragraphen“ oder „Judenpunkt“ fest: „Zur Durchführung der angestrebten Reformen ist die Beseitigung des jüdischen Einflusses auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens unerlässlich.“ Die jüdische Bevölkerung zeigte sich angesichts des rabiaten Antisemitismus eher verstört als verängstigt, da sie sich als Reichsbürger betrachtete und Trägerin dieser Kultur war.

Die Entwicklung im Deutschen Reich

Das Deutsche Reich befand sich nach dem Gründerkrach von 1873 in der sogenannten „Großen Depression“. Zur industriellen Krise kam eine Agrarkrise hinzu, die in der Konkurrenz des billigeren überseeischen Getreides ihre Ursache hatte. Schwerindustrielle und Großgrundbesitzer forderten gemeinsam Schutzzölle und gewannen über ihre Verbände zunehmend an politischem Einfluss. Ihr Ziel war es, Reichskanzler Bismarck von den Liberalen zu trennen, die weiterhin am Freihandel festhielten und den weiteren Abbau der Zollschranken forderten.

Bismarck, dessen Finanzberater Gerson von Bleichröder Jude war, hatte ein Jahrzehnt lang Freihandelspolitik verfochten und war von den jüdischen Führern der Liberalen im Reichstag Eduard Lasker und Ludwig Bamberger gestützt worden.

1878/1879 vollzog Bismarck eine politische Wende. Er wandte sich den konservativen Parteien und dem katholischen Zentrum zu und führte wieder Zölle auf Getreide und Eisen ein. Damit zog er auch den liberalen Mittelstand, der durch die Wirtschaftskrise hart getroffen worden war, an sich. Die Sozialistengesetze wurden verabschiedet und hielten die Sozialdemokratie in Schach.

Zugleich verstärkte sich im Kaiserreich im Herbst die antisemitische Agitation. Adolf Stöcker hatte nach Misserfolgen seiner 1878 gegründeten Christlich-sozialen Partei am 16. September 1879 mit einer Rede „Unsere Forderungen an das Judentum“ gestellt. Damit suchte er unzufriedene Kleinbürger und Handwerker, aber auch konservative Großbürger als neue Wähler zu gewinnen. Das kulturpessimistische und rassistische Buch von Wilhelm Marr Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum fand damals reißenden Absatz.

Die Antisemiten, die bisher als Vereinigung der Verlierer des neuen Deutschen Reiches wenig Zulauf gefunden hatten, profitierten von Bismarcks Wende. Es fanden sich politische Führer, die seinen Bruch mit dem Liberalismus begrüßten und den Antisemitismus benutzten, um den nationalen Geist zu verstärken, von dem das deutsche Reich noch zu wenig zu haben schien. Heinrich von Treitschke, Abgeordneter der Nationalliberalen Partei im Reichstag, vertrat wie viele Bildungsbürger den nationalen und konservativen Kurs, der die neue Politik des Reichskanzlers unterstützte.

Die Situation am Ende des 19. Jahrhunderts

Die rasche Industrialisierung während des 19. Jahrhunderts zog tiefgreifende gesellschaftliche und politische Veränderungen nach sich.

Ganze Bevölkerungsschichten wurden aus ihren jahrhundertealten sozialen Bindungen und Lebensumfeldern herausgerissen. Häufig wurden sie, wie die Entwicklungen in Großbritannien Ende des 18. Jh. und in Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jh. zeigten, sozial entwurzelt und in Not und Elend gestürzt.
Aus dieser Situation heraus entstand die soziale Frage. Sie resultierte aus

  • dem wirtschaftlichen Aufschwung und der anschließenden Depression einerseits und
  • den krassen sozialen Missständen andererseits.

Aus dieser Diskrepanz heraus entwickeln sich neue politische Strömungen und Parteien, die die Entwicklung im 20. Jahrhundert maßgeblich prägen sollten:

  • Kapitalismus
  • Liberalismus
  • Sozialismus, Kommunismus
  • Nationalismus
  • Antisemitismus

Die Entstehung des Nationalsozialismus

In diesem Abschnitt wird versucht, die Entwicklung des Nationalsozialismus aus der Sicht seines Begründers nachzuzeichnen. Diese Sicht kann in seinem Buch Mein Kampf nachgelesen werden. Dass sich diese Sicht nicht immer mit historischen Fakten deckt ist evident. Dennoch erscheint es aus heutiger Sicht interessant zu sein, wie Hitler die eigene Radikalisierung und seine Entwicklung zum Nationalsozialisten beschreibt bzw. begründet. Interessant deswegen, weil manche seiner Überlegungen und Argumente heute in ähnlicher Form im politischen Diskurs wieder auftauchen.

Im Jahr 1989 wird Adolf Hitler in Braunau am Inn geboren. Im ersten Band seines Buches Mein Kampf beschreibt Hitler im ersten Kapitel Im Elternhaus seine Beziehung zu seinen Eltern.

Von seinem Vater schreibt er, dass er sich aus ärmlichen Verhältnissen zum Staatsbeamten hochgearbeitet hat. Aus dem was Hitler über seinen Vater schreibt bzw. wie er über seinen Vater schreibt, kann entnommen werden, dass die Beziehung zu seinem Vater schwierig war. Hitler beschreibt seinen Vater als einen, keinen Widerspruch duldenden Mann. Augenfällig wird dies in jener Passage, in der es um Hitlers Berufswunsch geht.

Während Hitlers Vater für seinen Sohn die Beamtenlaufbahn vorgesehen hat, wollte Hitler keinesfalls Staatsbeamter, vielmehr wollte er Kunstmaler werden. In Mein Kampf beschreibt Hitler die Reaktion seines Vaters auf seinen Wunsch Kunstmaler werden zu wollen wie folgt:

„Kunstmaler, nein, solange ich lebe, niemals.“ Da nun aber sein Sohn eben mit verschiedenen sonstigen Eigenschaften wohl auch die einer ähnlichen Starrheit geerbt haben mochte, so kam auch eine ähnliche Antwort zurück. Nur natürlich umgekehrt den Sinne nach.

„Auf beiden Seiten blieb es dabei bestehen. Der Vater verließ nicht sein „Niemals“ und ich verstärkte mein „Trotzdem“.

Freilich hatte dies nun nicht sehr erfreuliche Folgen. Der alte Herr ward verbittert und, so sehr ich ihn auch liebte, ich auch. Der Vater verbat sich jede Hoffnung, dass ich jemals zum Maler ausgebildet werden würde. Ich ging einen Schritt weiter und erklärte, dass ich dann überhaupt nicht mehr lernen wollte. Da ich nun natürlich mit solchen „Erklärungen“ doch den Kürzeren zog, insofern der alte Herr jetzt seine Autorität rücksichtslos durchzusetzen sich anschickte, schwieg ich künftig, setzte meine Drohung aber in die Wirklichkeit um. Ich glaubte, dass, wenn der Vater erst den mangelnden Fortschritt in der Realschule sähe, er gut oder übel eben doch mich meinem erträumten Glück würde zugehen lassen.“

Schon damals zeigt Hitler ein Verhaltensmuster, das sich später verhängnisvoll auswirken sollte: Starrsinniges Festhalten am eigenen Standpunkt und diesen Standpunkt ohne Rücksicht auf sich und andere durchsetzen zu wollen. Später, in seiner Eigenschaft als Führer wird er zu dem von ihm vom Zaun gebrochenen Krieg sagen: „Es geht nicht um Sieg oder Niederlage. Es geht um Triumph oder Untergang!“

Über das Verhältnis zu seiner Mutter schreibt Hitler wenig. In einem Satz heißt es nur:

„Ich hatte den Vater verehrt, die Mutter jedoch geliebt.“

Bereits mit 15 Jahren wird Hitler zum völkischen Nationalisten:

„Auch ich hatte so einst die Möglichkeit, schon in verhältnismäßig früher Jugend am Nationalitätenkampf des alten Österreich teilzunehmen. Für Südmark und Schulverein wurde da gesammelt, durch Kornblumen und schwarzrot-goldne Farben die Gesinnung betont, mit „Heil“ begrüßt, und statt des Kaiserliedes lieber „Deutschland über alles“ gesungen, trotz Verwarnung und Strafen. Der Junge ward dabei politisch geschult in einer Zeit, da der Angehörige seines sogenannten Nationalstaates meist noch von seinem Volkstum wenig mehr als die Sprache kennt. Dass ich damals schon nicht zu den Lauen gehört habe, versteht sich von selbst. In kurzer Zeit war ich zum fanatischen „Deutschnationalen“ geworden, wobei dies allerdings nicht identisch ist mit unserem heutigen Parteibegriff.

Diese Entwicklung machte bei mir sehr schnelle Fortschritte, so dass ich schon mit fünfzehn Jahren zum Verständnis des Unterschiedes von dynastischem „Patriotismus“ und völkischem „Nationalismus“ gelangte; und ich kannte damals schon nur mehr den letzteren.“

Darüber, wie sehr sein schwieriges Verhältnis zum Vater diese Entwicklung beeinflusst hat, kann nur gemutmaßt werden. Wir können uns fragen, ob er im Nationalismus jenen Halt gesucht hat, den ihm sein Vater nicht gegeben hat. Seriös beantworten lässt sich diese Frage keinesfalls.

Nach dem Tod seiner Eltern geht Hitler nach Wien. Nachdem er an der Malerschule der Kunstakademie nicht aufgenommen wurde, will Hitler Baumeister werden:

„Ich wollte Baumeister werden, und Widerstände sind nicht da, dass man vor ihnen kapituliert, sondern dass man sie bricht. Und brechen wollte ich diese Widerstände, immer das Bild des Vaters vor Augen, der sich einst vom armen Dorf- und Schusterjungen zum Staatsbeamten emporgerungen hatte. Da war mein Boden doch schon besser, die Möglichkeit des Kampfes um so viel leichter; und was damals mir als Härte des Schicksals erschien, preise ich heute als Weisheit der Vorsehung. Indem mich die Göttin der Not in ihre Arme nahm und mich oft zu zerbrechen drohte, wuchs der Wille zum Widerstand, und endlich blieb der Wille Sieger.“

Zu dieser Zeit lebt Hitler als Obdachloser und ohne geregeltes Einkommen in Wien. In Mein Kampf scheibt er, dass er zu dieser Zeit vom Nationalisten zum Antisemiten geworden sei:

„In dieser Zeit sollte mir auch das Auge geöffnet werden für zwei Gefahren, die ich beide vordem kaum dem Namen nach kannte, auf keinen Fall aber in ihrer entsetzlichen Bedeutung für die Existenz des deutschen Volkes begriff: Marxismus und Judentum.“

Ein paar Absätze weiter beschreibt Hitler ein Phänomen, das wir auch heute beobachten können: Die Spaltung der Gesellschaft, das Aufgehen der Schere zwischen Arm und Reich. Auf der einen Seite, jene, die von den gesellschaftlichen Veränderungen profitiert haben, auf der anderen Seite die Mordernisierungsverlierer, jene, die sozial abgestiegen sind bzw. keine Perspektive für einen soziale Aufstieg haben:

„Die Umgebung meiner Jugend setzte sich zusammen aus den Kreisen kleinen Bürgertums, also aus einer Welt, die zu dem reinen Handarbeiter nur sehr wenig Beziehungen besitzt. Denn so sonderbar es auch auf den ersten Blick scheinen mag, so ist doch die Kluft gerade zwischen diesen durchaus wirtschaftlich nicht glänzend gestellten Schichten und dem Arbeiter der Faust oft tiefer, als man denkt. Der Grund dieser, sagen wir fast Feindschaft, liegt in der Furcht einer Gesellschaftsgruppe, die sich erst ganz kurze Zeit aus dem Niveau der Handarbeiter herausgehoben hat, wieder zurückzusinken in den alten, wenig geachteten Stand, oder wenigstens noch zu ihm gerechnet zu werden. Dazu kommt noch bei vielen die widerliche Erinnerung an das kulturelle Elend dieser unteren Klasse, die häufige Rohheit des Umgangs unter einander, wobei die eigene, auch noch so geringe Stellung im gesellschaftlichen Leben jede Berührung mit dieser überwundenen Kultur- und Lebensstufe zu einer unerträglichen Belastung werden lässt.“

Als Brennpunkt all der sozialen Probleme erscheint Hitler die Hauptstadt des k.u.k  Reiches:

„Kaum in einer deutschen Stadt war die soziale Frage besser zu studieren als in Wien.“

Weiter spricht er von der Abgehobenheit des „Establishments“:

„Wer nicht selber in den Klammern dieser würgenden Natter sich befindet, lernt ihre Giftzähne niemals kennen. Im anderen Falle kommt nichts heraus als oberflächliches Geschwätz oder verlogene Sentimentalität. Beides ist von Schaden. Das eine, weil nie bis zum Kerne des Problems zu dringen vermag, das andere, weil es an ihm vorübergeht. Ich weiß nicht, was verheerender ist: die Nichtbeachtung der sozialen Not, wie dies die Mehrzahl der vom Glück Begünstigten oder auch durch eigenes Verdienst Gehobenen tagtäglich sehen lässt, oder jene ebenso hochnäsige wie manchmal wieder zudringlich taktlose, aber immer gnädige Herablassung gewisser mit dem „Volk empfindender“ Modeweiber in Röcken und Hosen. Diese Menschen sündigen jedenfalls mehr, als sie in ihrem instinktlosen Verstande überhaupt nur zu begreifen vermögen. Daher ist dann zu ihrem eigenen Erstaunen das Ergebnis einer durch sie betätigten sozialen „Gesinnung“ immer null, häufig aber sogar empörte Ablehnung; was dann freilich als Beweis der Undankbarkeit des Volkes gilt.“

Hitler beschreibt den Verlust von Empathie und die Gründe für die zunehmende Entsolidarisierung in der Gesellschaft:

„So kommt es, dass häufig der Höherstehende unbefangener zu seinem letzten Mitmenschen herabsteigt, als es dem „Emporkömmling“ auch nur möglich erscheint.

Denn Emporkömmling ist nun einmal jeder, der sich durch eigene Tatkraft aus einer bisherigen Lebensstellung in eine höhere emporringt.

Endlich aber lässt dieser häufig sehr herbe Kampf das Mitleid absterben. Das eigene schmerzliche Ringen um das Dasein tötet die Empfindung für das Elend der Zurückgebliebenen.“

Für das Elend der, wie er es nennt, Zurückgebliebenen macht er mehr und mehr das Judentum verantwortlich.

Damals wie heute ist für die sozial benachteiligten und für die vom sozialen Abstieg gefährdeten ein Gefühl maßgeblich: Unsicherheit. Auch dieses Gefühl wird für Hitler zum bestimmenden Thema:

„Die Unsicherheit des täglichen Brotverdienstes erschien mir in kurzer Zeit als eine der schwersten Schattenseiten des neuen Lebens.“

Als Folge der andauernden Verunsicherung konstatiert Hilter bei den Betroffenen eine zunehmende Gleichgültigkeit, anstatt um ihre Rechte zu kämpfen, ergeben sie sich in ihr Schicksal.

„So lockert sich der sonst fleißige Mensch in seiner ganzen Lebensauffassung, um allmählich zum Instrument jener heranzureifen, die sich seiner nur bedienen um niedriger Vorteile willen. Er war so oft ohne eigenes Verschulden arbeitslos, dass es nun auf einmal mehr oder weniger auch nicht ankommt, selbst wenn es sich dabei nicht mehr um das Erkämpfen wirtschaftlicher Rechte, sondern um das Vernichten staatlicher, gesellschaftlicher oder allgemein kultureller Werte handelt. Er wird, wenn schon nicht streiklustig, so doch streikgleichgültig sein.“

Im Gegensatz dazu sieht Hitler den Weg aus Verelendung und Armut in der Bekämpfung derer, die er als dafür verantwortlich hält:

Tiefstes soziales Verantwortungsgefühl zur Herstellung besserer Grundlagen unserer Entwicklung, gepaart mit brutaler Entschlossenheit in der Niederbrechung unverbesserlicher Auswüchslinge.

In dieser Passage taucht es wieder auf, das Verhaltensmuster des bedingungslosen Kampfes. Die Wortwahl von der brutalen Entschlossenheit erinnert unwillkürlich an die spätere Ausrufung des totalen Krieges.

In dem unmittelbar anschließenden Absatz klingt zum ersten Mal biologistisches Denken durch:

So wie die Natur ihre größte Aufmerksamkeit nicht auf die Erhaltung des Bestehenden, sondern auf die Züchtung des Nachwuchses, als des Trägers der Art, konzentriert, so kann es sich auch im menschlichen Leben weniger darum handeln, bestehendes Schlechtes künstlich zu veredeln, was bei der Veranlagung des Menschen zu neunundneunzig Prozent unmöglich ist, als darum, einer kommenden Entwicklung gesündere Bahnen von Anfang an zu sichern.

Hier formuliert Hitler, dass Menschen zu 99% durch ihre Gene determiniert sind. Ein Vorstellung, die später mit Vorstellung von der Überlegenheit der germanischen Rasse ergänzt wird.

Als Ausweg aus der sozialen Misere sieht schon damals in Wien die Nationalisierung der Gesellschaft:

Schon währen meines Wiener Existenzkampfes war mir klar geworden, dass die soziale Tätigkeit nie und nimmer in ebenso lächerlichen wie zwecklosen Wohlfahrtsduseleien ihre Aufgabe zu erblicken hat, als vielmehr in der Beseitigung solcher grundsätzlicher Mängel in der Organisation unseres Wirtschafts- und Kulturlebens, die zu Entartungen einzelner führen müssen oder wenigstens verleiten können.

Die Frage der „Nationalisierung“ eines Volkes ist mit in erster Linie eine Frage der Schaffung gesunder sozialer Verhältnisse als Fundament einer Erziehungsmöglichkeit des einzelnen. Denn nur wer durch Erziehung und Schule die kulturelle, wirtschaftliche, vor allem aber politische Größe des eigenen Vaterlandes kennen lernt, vermag und wird auch jenen inneren Stolz gewinnen, Angehöriger eines solchen Volkes sein zu dürfen. Und kämpfen kann ich nur für etwas, das ich liebe, lieben nur, was ich achte, und achten, was ich mindestens kenne.

Die weitere Entwicklung Hitlers und der weitere Verlauf der Geschichte kann als bekannt vorausgesetzt werden.

Fazit

Von der Zeitspanne der Mitte des 19. Jahrhunderts bis herauf zum Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es eine Reihe offensichtlicher Parallelen zur Entwicklung im ausgehenden 20. und dem beginnenden 21. Jahrhundert.

Ausgehend von der durch technologische Innovationen bedingten tiefgreifenden gesellschaftlichen und politischen Veränderung, die letztlich zu einer Spaltung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer führt. Dem wirtschaftlichen Aufschwung folgt eine schwere wirtschaftliche Krise, die zu einer zusätzlichen Verelendung großer Teile der Bevölkerung führt.

Als Ausweg aus der Krise wird zunehmend eine protektionistische Politik gesehen. Freihandel und Liberalismus werden mit Judentum gleich gesetzt. Diese Gleichsetzung auf der einen Seite und die Forcierung einer Politik der nationalen Stärke auf der anderen Seite bereiten den Weg für einen gegen Ende des 19. Jahrhunderts weit verbreiteten Antisemitismus.

In diesem Klima wächst Adolf Hitler heran. Seine prekäre wirtschaftliche Situation macht ihn empfänglich für die Parolen der Nationalisten und Antisemiten, die er schließlich zu seinem Weltbild des nationalsozialistischen Rassenwahns verbindet.

So wie das 19. Jahrhundert sind auch das 20. und das beginnende 21. Jahrhundert von tiefgreifenden technologischen und in der Folge von gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen betroffen. Wie im 19. Jahrhundert kommt es auch im beginnenden 21. Jahrhundert zu einer massiven und lang anhaltenden Weltwirtschaftskrise mit einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich und einer zunehmenden Verarmung großer Teile der Bevölkerung. Verunsicherung ist allgegenwärtig.

Die Reaktionen auf diese Krise fallen ähnlich aus wie damals im 19. Jahrhundert. Einschränkung des freien Handels, aufkommender Protektionismus, Schutzzollpolitik.

Aktuelle Ereignisse, die für diese Entwicklung stehen:

  • der BREXIT,
  • die Wahl Trumps zum US-Präsidenten und die damit verbundene Politik des „America first“ und seine Ankündigung der Aufkündigung der Freihandelsabkommen NAFTA und CETA.
  • Das Auseinanderdriften der Interessen der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union.
  • Nationale Interessen gehen über gesamteuropäische Interessen.

Mit der Verschlechterung der wirtschaftliche Situation geht ein Erstarken nationalistischer, populistischer Parteien einher. Von der Vorstellung einer europäischen Leitkultur, die es vor Unterwanderung durch Zuwanderer zu bewahren gilt, ist die Rede. Dafür ist man bereit, auf Freiheitsrechte zu Gunsten von Überwachung zu verzichten. Dafür ist man bereit, Zäune an Staatsgrenzen hochzuziehen. In den USA möchte Trump noch einen Schritt weiter gehen. Er stellt Angehörige einer Religion unter Generalverdacht. So wie damals im 19. Jahrhundert wird eine bestimmte Gruppe der Bevölkerung für alles Übel verantwortlich gemacht.

Es scheint eine Frage der Zeit zu sein, bis es dazu kommt, dass im aktuellen politischen Klima jemand solch radikale politische Vorstellungen entwickelt, wie es zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Nationalsozialisten getan haben.

Bleibt uns nur die Hoffnung, dass es zu keinem Dejavu kommt? Oder sind wir in der Lage aus der Geschichte zu lernen und dagegen zu halten?

Links

Das abrupte Ende der Gründerzeit begann an der Donau

Börsenkrach

Gründerkrach

Entstehung des Proletariats als soziale Klasse

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