Kapitalismus: Überfluss produziert Armut

Schon Marx und Engels beschreiben im Kommunistischen Manifest das dem Kapitalismus inhärente Paradoxon, dass es inmitten von Reichtum zu Armut kommt und dass Fabriken leer stehen, obwohl Arbeitslose arbeiten möchten. Dieses Phänomen ist aktueller denn je. Seit Mitte der 80-er Jahre steigen in den hoch entwickelten Industriestaaten einerseits die Arbeitslosenzahlen und andererseits die Gewinne der meist großen Konzerne.

Doch wie kommt es zu diesem Phänomen?

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Kostenfunktionen

Unternehmen stehen im stetigen Wettbewerb mit anderen Marktteilnehmern. Sie sind daher gezwungen, ihre Kosten zu minimieren. Dies gelingt dann, wenn mit steigender Stückzahl die Kosten insgesamt zwar steigen, aber mit jedem zusätzlich produzierten Stück die Zunahme der Kosten geringer wird. Ökonomen nennen dies einen degressiven Kostenverlauf. Um die Kosten, die bei der Produktion einer bestimmten Stückzahl anfallen, berechnen zu können, braucht man (mathematisch unpräzise formuliert) ein Formel. Diese Formel bezeichnen die Ökonomen als Kostenfunktion. Eine Kostenfunktion, die die oben genannte Eigenschaft besitzt, wird als degressive Kostenfunktion bezeichnet.

Die degressive Kostenfunktion

Nun wird es etwas mathematisch. Alerdings können jene, die an den mathematischen Hintergründen nicht interessiert sind, diesen Teil gerne überspringen und im Abschnitt Reduzierte Stückkosten produzieren Überfluss weiter lesen.

Für Kosten gilt generell, dass sich die Gesamtkosten aus den Fixkosten und den variablen Kosten zusammensetzen.

Dabei bedeuten:

Kf        die Fixkosten,

Kv (x)   die variablen Kosten die bei der Produktion von x Stück anfallen.

Fixkosten fallen auch dann, wenn nichts produziert wird. Die variablen Kosten sind abhägig von der produzierten Stückzahl.

Eine Kostenfunktion K(x) wird dann zu einer degressiven Kostenfunktion, wenn die variablen Kosten die folgende Bedingung erfüllen:

wobei gelten muss.

Bei einer degressiven Kostenfunktion handelt es sich also um eine Potenzfunktion mit rationalem Exponenten. Die Variable x wird zunächst mit c potenziert und aus dem Ergbnis wird dann die a-te Wurzel gezogen. Die Bedingung c/a < 1 bedeutet, dass sich das Ziehen der Wurzel stärker auswirkt als das Potenzieren. Damit erhält man den gewünschten Effekt, dass die Funktion zwar wächst, sich das Wachstum aber mit steigender Stückzahl einbremst.

Beispiel einer degressiven Kostenfunktion

In unserem enfachen Beispiel sollen die Fixkosten 50€ betragen und die variablen Kosten sollen mit dem 40-fachen der Wurzel aus der Stückzahl wachsen. Damit lautet die Kostenfunktion:

In der folgenden Abbildung stellt die schwarze Kurve den Verlauf der Kostenfunktion K(x) dar.

Es ist gut zu erkennen, dass die Kurve stetig ansteigt, dass aber der Anstieg immer geringer wird. Eine Funktion deren Funktionswerte mit steigenden x Werten ständig zunehmen wird in der Mathematik als streng monoton wachsende Funktion bezeichnet.

Die Grenzkostenfunktion

Als Grenzkosten werden in der Ökonomie jene Kosten bezeichnet, die entstehen, wenn man die produzierte Menge um eine Produktionseinheit erhöht. Für nicht lineare Kostenfunktionen können die Grenzkosten durch Bilden der ersten Ableitung K'(x) der Kostenfunktion K(x) hinreichend genau berechnet werden.

In unserem Beispiel ergibt sich für die Grenzkostenfunktion K'(x):

Der Verlauf der Grenzkostenfunktion ist in der Abbildung oben durch die grüne Kurve dargestellt. Es ist gut zu erkennen, dass die Grenzkosten mit steigender Stückzahl stetig geringer werden. Mathematiker bezeichnen diesen Verlauf als streng monoton fallend.

Die Stückkosten

Für ein Unternehmen sind die Stückkosten eine entscheidende Größe. Sie geben an wie viel eines Stücks im Durchschnitt kostet. Für eine produzierte Menge von x Stück erhält man die Stückkosten indem man die Gesamtkosten K(x) durch die Menge x  dividiert. Für eine degressive Kostenfunktion erhält man:

Wegen c/a < 1 gilt:

Damit kann die Stückkostenfunktion geschrieben werden als:

Die Stückkostenfunktion einer degressiven Kostenfunktion ist eine Potenzfunktion mit negativen Exponenten, d.h. sie ist streng monoton fallend.

In unserem Beispiel von oben ergibt sich für die Stückkostenfunktion:

Die Stückkostenfunktion K (x) ist in der obigen Abbildung in blauer Farbe dargestellt.

Zusammenfassung: Eigenschaften einer degressiven Kostenfunktion

Möchte ein Unternehmen erreichen, dass mit steigender Stückzahl die pro Stück anfallenden Kosten sinken, muss es trachten, dass die Produktionskosten einer degressiven Kostenfunktion entsprechen.

Eine Kostenfunktion K(x) ist genau dann degressiv,

  • wenn K(x) streng monoton wachsend ist und
  • wenn die Grenzkostenfunktion K'(x) streng monoton fallend ist.

Für eine degressive Kostenfunktion K(x) haben wir oben gezeigt, dass die Stückkostenfunktion K (x) immer streng monoton fallend ist, d.h. je größer die produzierte Menge ist, desto geringer sind die Stückkosten.

Reduzierte Stückkosten produzieren Überfluss

Wir rufen uns nochmals in Erinnerung, was der Begriff Stückkosten bedeutet: Die Stückkosten sind die durchschnittlichen Kosten, die bei der Produktion von Werkstücken anfallen.

Da in den Kosten auch Personalkosten enthalten sind, muss eine Senkung der Stückkosten notwendigerweise auch zu einer Senkung der Lohnkosten führen. Für Arbeitgeber und Arbeitnehmer bedeutet dies in der Folge, dass bei gleichem Lohn deutlich mehr Ware produziert werden muss. Der Versuch, sich durch Senkung der Stückkosten einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, führt also direkt in den Zwang zur Produktivitätssteigerung.

Überfluss produziert Armut

Die Bemühungen, sich durch Senkung der Stückkosten einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, führt, wie wir gesehen haben, zum Zwang der Produktivitätssteigerung.

Diese wird heute fast asuschließlich durch den Einsatz von Technik erreicht. Immer weniger Arbeitnehmer produzieren immer mehr Güter.

Kann der Markt diese Menge von Gütern nicht aufnehmen, gibt es prinzipiell zwei Optionen:

  1. es werden neue Märkte erschlossen
  2. es werden Arbeitskräfte freigesetzt

Option 2 führt direkt in das in der Einleitung zitierte Szenario, das Marx und Engels im Kommunistischen Manifest beschrieben haben: “Inmitten von Reichtum kommt es zu Armut und Fabriken stehen leer, obwohl Arbeitslose arbeiten möchten.

Aber auch Option 1 führt früher oder später zu diesem Szenario. Die Erschließung neuer Märkte schafft zwar kurzfristig Linderung, über kurz oder lang sind aber auch diese Märkte gesättigt. In gesättigten Märkten wird der Wettbewerb zum Verdrängungswettbewerb. Kleine und/oder finanzschwache Unternehmen werden verdrängt, die dadurch frei gewordenen Arbeitskräfte finden nur bedingt Beschäftigung.

Möglichkeiten der Senkung der Personalkosten

Aus der Notwendigkeit heraus, Personalkosten senken zu müssen, haben Unternehmen in den letzten Jahren eine Reihe von Möglichkeiten entwickelt:

  • Steigerung der Produktivität durch den Einsatz von Technik,
  • Auslagerung von Produktionen in Billiglohnländer,
  • Liberalisierung des Arbeitsmarktes,
  • Gestaltung von Beschäftigungsverhältnissen: Scheinselbständigkeit, Ich-AG,
  • Leiharbeitskräfte,
  • Flexibilisierung von Arbeitszeiten,
  • Teilzeitbeschäftigung

Durch all diese Maßnahmen beginnt es im sozialen Gebälk zu knirschen. Der Druck auf die Arbeitnehmer steigt. Trotz zum Teil sinkender Reallöhne müssen sie produktiver werden. Dennoch können sie sich ihres Arbeitsplatzes nicht sicher sein, sie müssen ständig fürchten, entweder wegrationalisiert zu werden, ihren Arbeitsplatz an ein Billiglohnland zu verlieren oder ihren sozialen Standard senken zu müssen.

Seit Mitte der 80-er Jahre ist diese Entwicklung in den hoch entwickelten Industrienationen zu beaobachten. Die Zahl der Arbeitslosen nimmt ungebrochen zu während sich gleichzeitig die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet.

Wie unsere Überlegungen und die Entwicklung der vergangenen 30 Jahre gezeigt haben, führt freier Wettbewerb nicht, wie von den Anhängern der freien Marktwirtschaft behauptet, zu einem Gelichgewicht der Märkte und zu einem Vorteil für alle. Im Gegenteil, der freie Wettbewerb führt zur Ausbildung von Kartellen und Monopolen und zu einer extremen Ungleicheit der Verteilung von Vermögen und somit zwangsläufig in eine soziale aber auch wirtschaftliche und letzlich politische Krise.

Für die Mainstreamökonomen ist es höchste Zeit, diese Mechanismen in ihren Modellen zu berücksichtigen. Die Anzeichen dafür, dass die große Krise vor der Tür steht häufen sich und zwar nicht nur in ein paar Staaten sondern weltweit.

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