Warum wir schlechte Politiker haben

Immer mehr Bürger haben das Gefühl, dass es immer öfter schlechte Politiker sind von denen sie regiert werden. In der Folge wählen sie immer öfter Parteien und/oder Politiker, die versichern, dass sie gegen das politische Establishment ankämpfen.

Wie kommen Politiker in Führungspositionen

Angenommen eine politische Partei möchte einen neuen Vorsitzenden wählen. Im Parteivorstand gibt es 21 wahlberechtigte Mitglieder. Die vier Kandidaten A, B, C und D stellen sich der Wahl. Jedes wahlberechtigte Vorstandsmitglied legt auf einen Stimmzettel eine Reihung der Kandidaten fest. Die Wähler geben an, welchen Kandidaten sie für den besten, welchen sie für  einen guten, einen schlechten bzw. welchen sie für den schlechtesten Kandidaten halten.

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Angenommen, die Auszählung der abgegebenen Stimmzettel hat folgendes Ergebnis gebracht:

ABCD
Bester8760
Gut0957
Schlecht05106
Schlechtester13008

Mehrheitsbeschluss

Kandidat A wurde von 8 Wählern als bester Kandidat gereiht. Damit liegt er vor Kandidat B mit 7 Nennungen und Kandidat C mit 6 Nennungen.

Das Problem: Kandidat A wurde zwar am häufigsten an erster Stelle gereiht. Dennoch wurde er von 13 von 21 Wählern, das sind 62%, nicht an erster Stelle gereiht.

Punktewahl

Als Ausweg böte sich an, dass die Wähler den Kandidaten entsprechend ihren Präferenzen Punkte geben. Der schlechteste Kandidat erhält keinen Punkt, der zweitschlechteste erhält einen Punkt, der als gut eingestufte Kandidat erhält zwei Punkte und der beste Kandidat erhält 3 Punkte.

Damit ergäbe sich folgendes Wahlergebnis:

  • Kandidat A: 8*3 + 13*0            = 24 Punkte
  • Kandidat B: 7*3 + 9*2 + 5*1   = 44 Punkte
  • Kandidat C: 6*3 + 5*2 + 10*1 = 38 Punkte
  • Kandidat D: 7*2 + 6*1 + 8*0   = 20 Punkte

Bei diesem Auszählungssystem gewänne Kandidat B, Kandidat A, der beim Prinzip Merheitsbeschluss gewonnen hätte, wird bei dieser Auszählung knapp vor Kandidat D vorletzter.

Strategisches Verhalten

In obigem Beispiel gehen wir davon aus, dass sich die Kandidaten passiv verhalten. Wir verändern nun unser Experiment ein klein wenig. Im Präsidium einer Partei sollen die fünf Parteivorstände (A, B, C, D, E) einen von ihnen zum Parteivorsitzenden wählen.

Natürlich sieht sich jeder selbst als besten Kandidaten und möchte Vorsitzender werden. Unabhängig davon, wie sie sich selbst einschätzen, sind sie sich einig, dass Kandidat A der beste, Kandidat B der zweitbeste,… und Kandidat E der schlechteste Kandidat ist. Bei der Wahl vergeben sie den Kandidaten entsprechend ihrer Präferenz Punkte und zwar 1 Punkt für den Schlechtesten bis 5 Punkte für den Besten.

Ehrliche Meinung

Betrachten wir den Fall, dass jedes Vorstandsmitglied entsprechend seiner Einstellung abstimmt. Wir nennen dieses Abstimmungsverhalten ehrliche Meinung.

Punkte von ...
ABCDESumme
Punkte für...A5444421
B4533318
C3352215
D2225112
E111159

 

Aufgrund des Wahlmodus war zu erwarten, dass Kandidat A die meisten Punkte erhalten würde.

Kandidat B verhält sich strategisch

Wenn alle Kanddaten die Stretegie ehrliche Meinung verfolgen, wird immer Kandidat A gewinnen. Kandidat B überlegt, wie er seine Position verbessern könnte und wählt folgende Strategie:

  • Sich selbst gibt er das Maximum der möglichen Punkteanzahl.
  • Die restlichen Punkte vergibt er so, dass er Kandidat E vier Punkte, Kandidat D drei Punkte,… und Kandidat A einen Punkt gibt.
Punkte von ...
ABCDESumme
Punkte für...A5144418
B4533318
C3252214
D2325113
E1411512

 

Mit dieser Strategie erreicht er, dass es zu einem Punktegleichstand zwischen ihm und Kandidat A kommt.

Alle Kandidaten verhalten sich strategisch

Kandidaten B, C, D und E haben aus dem Verhalten von Kandidat B gelernt. Auch sie wenden nun die Strategie von Kandidat B an.

Punkte von ...
ABCDESumme
Punkte für...A511119
B1522215
C2253314
D3335418
E4444521

 

Wir erinnern uns: Alle Kandidaten sind sich einig, dass Kandidat A der geeignetste und Kandidat E der ungeeignetste Kandidat ist. Die Anwenung einer Strategie, die für jeden einzelnen Erfolg versprechend scheint, führt jedoch dazu, dass der am wenigsten geeignete Kandidat E zum Parteivorsitzenden gewählt wird. Jener Kandidat, den man für den Besten hält, schneidet bei diesem Wahlverhalten am schlechtesten ab.

Als Quintessenz kann man sagen: Wenn alle, aus ihrer Sicht gesehen, klug handeln, kann ein schlechtes Ergebnis herauskommen. Strategisches Verhalten kann für den Einzelnen erfolgversprechend sein, wenn aber alle strategisch handeln, kann dies zum Nachteil aller werden.

Wenn Wähler strategisch wählen

Es sind nicht nur Delegierte von Parteien, die bei Wahlen strategisch handeln. Es sind immer häufiger auch Wähler bei allgemeinen Wahlen.

Schöne Beispiele dafür, wie startegisches Wählen zu schlechten Ergebnissen führen kann, sind diverse Denkzettelwahlen wie etwa die BREXIT-Abstimmung und die Wahl Trumps zum amerikanischen Präsidenten. In beiden Wahlen war der Anteil jener, die etablierte Parteien bzw. das Establishment abstarfen wollten, sehr hoch. Diese Wähler verstanden ihr Votum als Weckruf. Zu ihrer eigenen Überrasschung mussten diese Wähler fesstellen, dass sie mit ihrer Strategie ein Wahlergebnis befördert haben, das im Grunde gegen ihre Intention war.

Viele, die primär gegen ihre Regierung und weniger für den BREXIT gestimmt haben, sehen sich nun mit der Situation konfrontiert, dass Großbritannien auf mehreren Ebenen tief gespalten ist. Nordirland, Schottland und die großen Städte sind für den Verbleib in der EU, während Wales und die ländlichen Regionen Englands für den Brexit gestimmt haben. Schottland plant ein weiteres Unabhängigkeitsreferendum. Es ist schwer vorstellbar, dass diese Spaltung im Interesse der Mehrheit derer gelegen ist, die für den BREXIT gestimmt haben.

Fazit

Wahlergebnisse werden, wenig überraschend, durch den Auszählngsmodus beeinflusst. Wähler versuchen aber auch durch strategisches Wählen den Ausgang von Wahlen zu ihren Gunsten zu beeinfussen. Strategisches Wählen birgt allerdings die Gefahr in sich, dass dadurch Ergebnisse zustande kommen, die  in niemandes Interesse sind.

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