Trump ist die Antwort, was aber war die Frage?

Das Unvorstellbare ist geschehen. Entgegen der Prognosen von Meinungsforschern, entgegen der öffentlichen und der veröffentlichen Meinung, entgegen der Erwartungen des politischen Establishments, ja sogar der Erwartungen seiner Parteifreunde wurde Donald Trump am 8.11.2016 zum 45. Präsidenten der USA gewählt.

Wie war es möglich, dass Trump trotz oder vielleicht wegen der Art und Weise, wie er seinen Wahlkampf führte, sich in dieser Wahl gegen die bestens vorbereitete, erfahrene Hillary Clinton durchsetzen konnte?

Das Trump’sche Paradoxon

Trump der Rabauke

Im Wahlkampf bricht Donald Trump alle Regeln:

  • in den Vorwahlen beleidigt er all seine Mitbewerber,
  • er beleidigt Latinos („Allesamt Vergewaltiger!“),
  • er beleidigt die schwarze Bevölkerung („Alle faul, geht doch zurück nach Afrika“)
  • er ist offen sexistisch:
    • Er nennt Frauen „fette Schweine“ und „Hunde“. Die Unternehmerin Arianna Huffington bezeichnet er als „unattraktiv“, ihr Mann habe sie zurecht verlassen.
    • Heidi Klum sei schon lange keine herausstechend schöne Frau mehr.
    • Seine Mitbewerberin Hillary Clinton habe sich als Präsidentin disqualifiziert, als sie ihren Mann nicht mehr sexuell befriedigen konnte.
    • Über seine republikanische Konkurrentin Carly Fiorina sagt er: „Sehen Sie sich doch das Gesicht an! Würde irgendwer das wählen?“

    • In einem Video aus dem Jahr 2005, das von der „Washington Post“ veröffentlicht wurde, ist Trump mit teils sexuell aggressiven Aussagen zu hören („Grab them by the p**sy“).
  • er beleidigt die muslimischen Eltern eines gefallenen US-Soldaten,
  • er möchte allen Muslimen die Einreise in die USA verwehren,
  • Familien bekannter Terroristen sollen getötet werden,
  • er verspricht den Amerikanern „unendlich viel härtere Foltermethoden“ als Waterboarding,
  • er sagt offen die Unwahrheit:
    • Hillary Clinton will alle Gefangenen entlassen,
    • die US-Regierung hilft illegalen Einwanderern ins Land,
    • Barak Obama ist nicht in Amerika geboren, daher ist er zu unrecht Präsident,
    • Barak Obama bringt 250.000 Syrer in die USA,
  • er erklärt Hillary Clinton zur Verbrecherin, die er ins Gefängnis stecken wird

Trump der Sozialdarwinist

Der seit Mitte der 80-er Jahre vorherrschende Marktradikalismus ist für Republikaner und ganz besonders für Trump der Antrieb für die Weiterentwicklung von Gesellschaften. Der uneingeschränkte Kampf um Resourcen trennt die menschliche Spreu vom Weizen. Die Starken schaffen es nach oben, die Schwachen werden im Kampf gestärkt. Jeder ist seines Glückes Schmied, auch jene, die es nicht schaffen, die Verlierer. Auch sie könnten es schaffen, wenn sie dies nur wollen. Wenn sie es nicht schaffen, ist es ihr persönliches Versagen. Dann werden sie ausgegrenzt, weil sie dem Wirtschaftsstandort nicht nützen bzw. weil sie ökonomisch nicht verwertbar sind. Arbeitslose, Greise, Menschen mit Behinderungen und Zuwanderer werden zunehmend als „Sozialschmarotzer“ gesehen, die der Standortgemeinde auf der Tasche liegen.

Diese Vorstellung  entspricht einer dramatisch übersteigerten Version des amerikanischen Traums.

Immer mehr Bürger geraten allerdings in den Zwiespalt von Traum und Wirklichkeit. Trotz aller Bemühungen schaffen sie es nicht zu den Gewinnern zu gehören und sie nehmen immer öfter wahr, dass dies nicht ausschließlich an ihrem persönlichen Versagen liegt.

wachstum_USASeit Beginn der 80-er Jahre sinken die jährlichen Wachstumsraten unter die magische 3% Prozent Marke. Die Versuche, die Wirtschaft anzukurbeln haben Spekulationsblasen enstehen lassen, eine Weltwirtschafts- und eine Währungskrise gebracht, die Staatsschulden explodieren, die Schere zwischen Arm und Reich weit aufgehen lassen bzw. zu einem massiven Sozialabbau und zu sinkenden Realeinkommen  geführt. Alle Versuche, die Wirtschaft anzukurbeln haben nur eines gebracht: Sie haben die Kluft zwischen Traum und Wirklichkeit vertieft.

Die Angst vor Veränderung

Seit der Mitte der 80-er Jahre hat sich das Leben der Bürger, aber ganz besonders jenes der Bürger der Unter- und der Mittelschicht radikal und mit zunehmender Geschwindigkeit verändert. Für sie ist es auf mehreren Ebenen immer unsicherer geworden:

  • Zwang zur Produktivitässteigerung:

Soll die Arbeitslosenrate nicht steigen, muss die Wirtschaft und damit alle ihre Unternehmen jedes Jahr um mindestens 3% wachsen. Dies bedeutet aber, dass sich die Wirtschaftsleistung alle 23,45 Jahre verdoppeln muss. Für Unternehmen bedeutet dies, dass sie ihren Umsatz alle 23,45 Jahre verdoppeln müssen. Dazu gibt es prinzipiell drei Möglichkeiten:

1.) Verdoppelung des Absatzes: Die meisten Märkte sind gesättigte Märkte, dort alle 23,45 Jahre eine Verdoppelung des Absatzes zu erreichen, ist ausgeschlossen.

2.) Verdoppelung der Einnahmen: Über eine Verdoppelung der Preise eine Verdoppelung der Einnahmen erzielen zu wollen ist in einem hoch kompetetiven Umfeld ebenfalls ausgeschlossen.

3.) Senkung der Produktionskosten, speziell der Personalkosten: Die Personalkosten lassen sich durch Steigerung der Produktivität und/oder Verlagerung von Produktionen in Billiglohnländer erzielen.

Beide Optionen, die Steigerung der Produktivität bzw. die Auslagerung in Billiglohnländer, führen letzlich zu einem Abbau von Arbeitsplätzen.

Der Zwang zur Produktivitätssteigerung betrifft bei weitem nicht nur produzierende Betriebe sondern zunehmend auch Betriebe im Dienstleistungsbereich. Im Bankensektor sollen binnen der nächsten Jahre 30% der Angestellten abgebaut werden.

Die Arbeitswelt wird radikal umgebaut. Klassische Berufe verschwinden, neue Berufe entstehen. Klassische Berufslaufbahnen gibt es kaum noch. Meschen, die in das Arbeitsleben eintreten, müssen damit rechnen bis zur Pensionierung mindestens drei verschiedene Berufe ausüben zu müssen. Klassische Dienstverhältnisse werden in den Hintergrund gedrängt, atypische Beschäftigung, Scheinselbständigkeit, Teilzeitarbeit, Leiharbeit und Praktika werden zu typischen Arbeitsverhältnissen.

  • Deregulierung, Liberalisierung:

Ziel der Deregulierung ist eine Steigerung von Innovation durch Wettbewerb. Damit soll in den Unternehmen höhere Effizienz erreicht werden. Durch Förderung von Investitionen versucht man neue Arbeitsplätze zu schaffen. Deregulierung kann Impulse für Wachstum geben, wirkt aber nicht nachhaltig. Dem Zwang, den Umsatz alle 23,45 Jahre verdoppeln zu müssen, entkommt man allein mit Deregulierung jedoch nicht.

Umgekehrt erzeugt Deregulierung Probleme für die öffentliche Hand und damit für den Steuerzahler.

Bei der Privatisierung ehemals staatlicher Dienstleistungen (z.B. Post, Bahn) kommt es dazu, dass sich die privaten Investoren die Rosine herauspicken. Da aber die ertragsstarken Sparten die ertragsschwachen Sparten in der Gemeinsamkeit querfinanzierten und dadurch erst diese ertragsschwachen Dienstleistungen ermöglichten, verblieben nach Verlust der „Cash Cows“ die kostenaufwendigen Dienstleistungen im Portfolio der öffentlichen Hand. Die daraus resultierenden Defizite müssen der Staat bzw. die Kommunen im Sinne der Grundversorgung abdecken oder diese kostenaufwendigen Dienstleistungen werden eingestellt (Einstellung von Nebenbahnen, Einstellung der Postzustellung und nötige Selbstabholung der Briefpost bei Postfächern, Auflassung von Postfilialen und Briefkästen bzw. längere Wege des Einzelnen zu den wenigen verbliebenen).

Unter dem Strich kann Deregulierung nicht das halten was sie verspricht. Über den Umweg der erhöhten Belastungen der öffentlichen Haushalte kommen diese Belastungen wieder zum Bürger zurück.

  • Digitalisierung:

Die Digitalisierung ist jenes Werkzeug mit dem die Produktivitätssteigerung in beinahe allen Branchen der Wirtschaft vorangetrieben werden kann. Industrie 4.0 und Internet der Dinge sind die aktuellen Stichworte zu diesem Thema.

Auf der einen Seite werden durch Digitalisierung immer neue Jobs geschaffen, auf der anderen Seite aber auch Jobs in großer Zahl vernichtet und dies nicht nur in der produzierenden Industrie. Angebote wie Onlineshops, Telebanking, eMedia setzen klassische Geschäftsmodelle stark unter Druck.

Zwar schafft Digitalisierung neue Jobs, doch nur für bestens ausgebildete Experten. Jene, die der Digitalisierung zum Opfer fallen, haben kaum die Chance in einen dieser neu geschaffenen Jobs zu kommen. Die Folge dieser Entwicklung ist eine gespaltene Gesellschaft: Auf der einen Seite die Mordernisierungsgewinner, auf der anderen Seite die Modernisierungsverlierer.

  • Globalisierung:

Die politischen Umwälzungen in den ehemaligen kommunistischen Ländern Osteuropas und in China führten zu einem Phänomen, das wir als Globalisierung bezeichnen. Die ehemaligen COMECON Staaten aber auch China stellten ihr Wirtschaftssystem auf neoliberale Marktwirtschaft um und öffneten ihre Märkte.

Diese Öffnung der Märkte ermöglicht die Verlagerung von Produktionen in Billiglohnländer und bringt wiederum den heimischen Arbeitsmarkt stark unter Druck. Ähnlich wie im Fall der Digitalisierung sind von Globalisierung wieder hauptsächlich Menschen mit niedriger Bildung betroffen.

Das Gefühl der Ohnmacht

Seit Mitte der 80-er Jahre spüren die Bürger das Gefühl von Angst und Bedrohung. Verschärfend kommt hinzu, dass die Bürger spüren, dass Deregeulierung, Liberalisierung, Globalisierung und Digitalisierung  nur die Folgen einer tieferliegenden Ursache sind. Sie haben das Gefühl, dieser Ursache ohnmächtig ausgeliefert zu sein.

Ein auf Wachstum basierendes Wirtschaftssystem stößt in einer endlichen Welt zwingend an Grenzen. Es generiert zwingend zwei Probleme: Schulden und Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen. Diesem Zwang fühlen sich die Menschen ohnmächtig ausgeliefert.

Menschen reagieren unterschiedlich auf Angst gepaart mit Ohnmacht: Die einen reagieren lethargisch, andere pragmatisch und wieder andere mit Wut und Agression.

Die Macht den Ohnmächtigen

„I will make America great again!“ war Trumps Wahlkampfmotto mit dem er die Emotionen der Ohnmächtigen mit sicherem Instinkt eingefangen hat. Mit diesem Slogan verspricht er ihr ultimativer Erlöser zu sein. Er will Amerika wieder groß machen. Damit bringt er zum Ausdruck, dass Amerika wieder so sein soll, wie es früher war.

Früher konnte man den Amerikanischen Traum vom wirtschaftlichen und/oder gesellschaftlichen Aufstieg noch träumen, früher war das Leben noch strukturiert und planbar, fürher waren die Rollen der Geschlechter und der Rassen klar verteilt. Das ist das Bild, das Trump von einem starken Amerika zeichnet.

Und er benennt jene, die dieses starke Amerika bedrohen und gefährden: Die Zuwanderer, die Chinesen, die Moslems, die Schwulen, die Liberalen.  Mit der Benennung dieser Feindbilder bietet er den Ohnmächtigen die Option an aktiv zu werden, sich ihrer Ohnmacht zu entledigen. Lasst uns Amerika vom Einfluss dieser sozialen Gruppen befreien und euer Leben wird wieder wie es früher war und alles wird wieder gut.

Diesem Versprechen sind sie erlegen und diese Masche funktioniert nicht nur in den USA, sie funktioniert auch in Österreich, in Ungran, in Deutschland, in Frankreich, in den Niederlanden, in der Türkei usw.

Die Rückkehr in die schöne heile nationale Welt verspricht die Ohnmächtigen wieder groß und stark zu machen. Dagegen anzukämpfen kann man nur, wenn man die wahren Gründe, die zum Gefühl der Ohnmacht führen, beseitigt. Die Menschen brauchen eine Perspektive für eine bessere Zukunft, die Aussicht, dass sich ihr Leben verbessert. Unser Wirtschaftssystem ist dazu nicht geeignet. Die Zeit ist reif, über ein neues Wirtschaftsystem nachzudenken und mit seiner Umsetzung zu beginnen.

 

 

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