Burkaverbot?

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In immer mehr Ländern der EU ist eine Diskussion um ein Verbot der Ganzkörperverschleierung entbrannt. Aktuell wird diese Diskussion in Deutschland und in Österreich besonders intensiv geführt.

Lässt sich in demokratischen Rechtsstaaten ein derartiges Verbot so umsetzen, dass es mit den Grundlagen des Rechtsstaates vereinbar ist? Wie könnte ein derartiges Verbot legitimiert werden?

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Unterschiedliche Arten der Verschleierung

Im Islam gibt es unterschiedliche Formen der Verschleierung.

Der Hidschab

Hidschab

Die muslimische Frau hat in Gegenwart von fremden Männern (arab. Adschanib) Hidschab zu tragen. Unter „fremden Männern“ versteht man in diesem Zusammenhang alle Männer, denen die Heirat mit der Frau erlaubt ist. Der Hidschab bezeichnet  die Verhüllung und Abschirmung der Frau durch ein Kopftuch. Er schließt üblicherweise folgende Normen ein:

  • die Zugänglichkeit der Frau nur für diejenigen Männer, die in einem die Heirat ausschließenden Verwandtschaftsverhältnis (Mahram-Verhältnis) zu ihr stehen
  • die Verhüllung der Frau vor allen Männern, die nicht in einem Mahram-Verhältnis zu ihr stehen,
  • der Rückzug der Frau in das Frauengemach im Haus bei Besuch von Männern, die zu diesem Kreis zählen,
  • die Verhüllung der Frau beim Ausgang auf der Straße und in der Öffentlichkeit.

Weitere Formen der Verschleierung

Hinsichtlich der Frage, welchen Umfang der Hidschab haben muss, vertreten die islamischen Gelehrten verschiedene Meinungen. Sinn des Hidschabs ist, dass die Frau ihre ‚Aura bedeckt, d.h. den ganzen Körper außer den Teilen, die hiervon ausgenommen sind.

Das Bedecken des Gesichts ist nicht verpflichtend für die Frau gemäß den Malikitischer, Hanafitischen und Schafi’itischen Fiqh-Schulen. Dies ist ebenso eine Aussage Ahmads und die Meinung der Mehrheit der Gelehrten.

Viele Hanbaliten, insbesondere Gelehrte in Saudi-Arabien vertreten heutzutage die gegenteilige Meinung (Bedecken des Gesichts sei Pflicht). Der saudische Gelehrte Schaich Ibn al-Uthaimin sagt, dass der gesamte Körper der Frau ‚Aura ist und bedeckt werden muss.

Der Gelehrte Schaich al-Albani vertritt dagegen die Ansicht, dass die Hände und das Gesicht von der Bedeckung ausgenommen sind. Der Streit der Gelehrten bezieht sich also auf Gesicht und Hände. In der islamischen Welt vertritt aber kein angesehener Gelehrter die Meinung, die Frau müsse ihre Haare nicht bedecken.

Aufgrund der unterschiedlichen Auslegung des Umfangs der Verschleierung haben sich unterschiedliche Formen herausgebildet.

AlAmiraAl-Amira
Zweiteiler. Ein Teil umhüllt den Kopf, der andere wird eng um die Schulter gelegt. Wird in verschiedenen Fraben getragen.

 

 

 

ChimarChimar
Mantelartiger Schleier, der bis zur Tailie reicht. Wird in verschiedenen Farben getragen.

 

 

 

TschadorTschador: Der eigentliche Schleier ist der Tschador. Das Wort bezeichnet ein langes, meist dunkles Tuch, das sowohl den Kopf als auch den Körper verhüllt und über der normalen Kleidung getragen wird. „Tschador“ kommt aus dem Persischen und bedeutet so viel wie „Zelt“. Der Tschador erlaubt auch, das Gesicht bis auf die Augen zu bedecken.

 

 

NikabNikab
bedeckt vollständig das Gesicht. Wird zusammen mit einem langen Kleid („Abbaja“) getragen. Nur in schwarz.

 

 

 

BurkaBurka
Ganzkörperschleier. Eine Art Gitter ermöglicht das Sehen nur nach vorne.

 

 

 

Warum müssen Frauen Schleier tragen?

Grundlegend gilt im Islam die Gleichwertigkeit der Geschlechter. Mann und Frau sind gleichwertig, aber sie sind nicht uneingeschränkt gleich.

Gleichheit der Geschlechter in religiösen Verpflichtungen

In geistigen Dingen macht der Islam keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Beide haben eine Seele und beide würden für den selben Zweck geschaffen. Beide haben auch die selbe Verantwortung, ihren religiösen Verpflichtungen nachzukommen, beide werden vom Allmächtigen entsprechend ihres individuellen Verhaltens belohnt oder bestraft werden.

Mann und Frau als komplementäre Geschlechter

Aus dem biologischen Umstand, dass Männer und Frauen zwei unterschiedliche Geschlechter darstellen, wird abgeleitet, dass sie zueinander komplementär seien, dass sie einander ergänzten so wie zwei Hälften eines Ganzen. Die unterschiedliche Biologie von Mann und Frau habe auch eine unterschiedliche Gemütsbeschaffenheit zur Folge, die wiederum Mann und Frau unterschiedliche Rollen zuweisen, wie z.B.

  • Männer gehen zur Arbeit außer Haus, während Frauen angehalten werden zuhause zu bleiben, die Frau wird primär als Mutter gesehen. Es ist die Frau, die schwanger werden kann, ein Kind zur Welt bringen und stillen kann.
  • Die der Frau zugeschriebene fürsorgliche und selbstaufopfernde Gemütsbeschaffenheit ist dazu angelegt, Kinder großzuziehen und den Haushalt zu führen. „Eine Frau muss schon eine große und edle Rolle als Mutter einer neuen Generation spielen, eine Rolle, dessen Ehre kein Mann in Anspruch nehmen kann“ (Rechte und Plichten der Frau im Islam).
  • Frauen haben den Hidschab zu tragen
  • Söhne erhalten einen größeren Anteil einer Erbschaft als Töchter
  • Männer können Herrscher werden, Frauen nicht.

Ein Burkaverbot geht am Problem vorbei

Die Verschleierung der Frau ist nur ein Punkt im Entwurf einer Gesellschaft im Islam. Dieser Entwurf steht in krassem Widerspruch zu den Vorstellungen heutiger, säkularer Gesellschaften. Die zentrale Frage in der Auseinandersetzung zwischen säkularem Staat und Islam kann also nicht nur auf die Frage der Verschleierungspflicht für die Frauen reduziert werden, sie lautet vielmehr, ob bzw. wie sehr sich die unterschiedlichen Vorstellungen von Gesellschaft vereinbaren lassen.

Säkularismus als Voraussetzung für Religionsfreiheit

Der Säkularismus, also die Trennung von Religion und Staat, schafft die nötigen Voraussetzung zur freien Religionsausübung. Der säkulare Staat macht seinen Bürgern keinerlei Vorschriften, welcher Religion bzw. ob sie überhaupt einer Religion angehören sollen. Er garantiert seinen Bürgern, dass sie sich frei für oder gegen eine Religionszugehörigkeit entscheiden können.

Grenzen der Religionsfreiheit

Angehörige einer Religionsgemeinschaft können um eine staatliche Anerkennung ansuchen. Dazu müssen gewisse Kriterien erfüllt sein. Neben anderen ist eine wesentliche Voraussetzung für eine staatliche Anerkennung einer religiösen Gemeinschaft (schon seit 1874)

daß ihre Religionslehre, ihr Gottesdienst, ihre Verfassung, sowie die gewählte Benennung nichts Gesetzwidriges oder sittlich Anstößiges enthält“ ( § 1 Z.1 Anerkennungsgesetz)

Außerdem fordert das Bekenntnisgemeinschafts-Gesetz von 1998:

Es muss eine positive Grundeinstellung gegenüber Gesellschaft und Staat bestehen.“ (§ 11 Z.3).

Nachdem das mehrheitlich moslemische Bosnien-Herzegowina Bestandteil der Österreich-Ungarischen Monarchie wurde, wurde der Islam 1912 in Österreich staatlich anerkannt.

Das Rollenbild der Frau im Wandel der Zeit

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der Islam als staatliche Religionsgemeinschaft anerkannt wurde, lagen die Vorstellungen von der Rolle der Frauen im Islam und in der christlich geprägten Gesellschaft nicht sehr weit auseinander. Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich dies dramatisch geändert.

Die Auflistung einiger Meilensteine in der Entwicklung der Gesetzgebung in Österreich gibt einen Eindruck davon, wie sich die Rolle der Frau im letzten Jahrhundert verändert hat (Meilensteine für Frauen in Österreich):

  • 1918: Frauen erhalten in Österreich das allgemeine Wahlrecht
  • 1970: die Stellung des unehelichen Kindes wird aufgewertet
  • 1975: Die Familienrechtsreform stellt Frauen und Männer rechtlich gleich: Frauen dürfen ohne Zustimmung des Mannes arbeiten, über den Wohnsitz mitentscheiden und den Familiennamen wählen.
  • 1977: Sozialreform für Mütter: Die Erhöhung des Karenzgeldes, Einführung des Mutter-Kind Passes, Verlängerung des Mutterschutzes, einwöchige Pflegefreistellung werden beschlossen.
  • 1978: Abschaffung der „Väterlichen Gewalt“, Änderungen des Ehegattenerbrechts, des Ehegüterrechts und des Ehescheidungsrechts. Im selben Jahr eröffnet auch das erste Frauenhaus in Österreich.
  • 1989: Durch die Sexualstrafrechtsreform werden Vergewaltigung und geschlechtliche Nötigung in der Ehe oder Lebensgemeinschaft strafbar.
  • 1993: Das Gleichbehandlungsgesetz tritt in Kraft (Punkte: Diskriminierung, sexuelle und allgemeine Belästigung am Arbeitsplatz).
  • 1997: Das Bundesgesetz zum Schutz vor Gewalt in der Familie ermöglicht die Wegweisung, das Betretungsverbot und die einstweilige Verfügung als Schutzmaßnahmen.
  • 1999: Die partnerschaftliche Teilung der Versorgungsarbeit wird in das Ehegesetz integriert.

Zusammenfassen kann gesagt werden, dass diese Entwicklung auf eine Auflösung traditioneller Rollenbilder abzielt und damit im krassen Widerspruch zum jenem Frauenbild steht, das im Islam nach wie vor gültig ist.

Die Quadratur des Kreises

Auf der einen Seite steht das Ergebnis einer gesellschaftlichen Entwicklung. Einer laizistischen Gesellschaft die der Religion im Allgemeinen weitgehend entfremdet ist und das Primat der Gesetzgebung beim Volk sieht (z. B. Fristenlösung).

Auf der anderen Seite steht eine gottgewollte Ordnung. Über sie kann nicht demokratisch abgestimmt werden. Göttliche Gebote sind unbedingt einzuhalten.

Wie lassen sich die beiden Sichtweisen vereinbaren? Der Schlüssel liegt in der Religionsfreiheit, die der säkulare Staat seinen Bürgern gewährt. Jede Bürgerin kann jenes Frauenbild leben, das sie für sich als angemessen empfindet. Der wesentliche Aspekt dabei ist die Freiwilligkeit.

Eine Gesellschaft, die ihr Fundament auf der Freiheit der Bürger aufbaut, kann nicht dulden, dass Frauen dazu gezwungen werden, sich für ein Frauenbild (welches auch immer) entscheiden zu müssen.

Wenn z. B. eine Frau sich aus freien Stücken dazu entschließt, Burka tragen zu wollen, muss ihr dies der säkulare Staat ermöglichen. Falls aber eine muslimische Frau genötigt werden sollte, eine Burka tragen zu müssen, muss sich der säkulare Staat auf ihre Seite stellen und ihr seine Unterstützung anbieten.

Allgemein: Wenn sich eine Frau aus freien Stücken dazu entschließen sollte, ein bestimmtes Frauenbild leben zu wollen, muss der säkulare Staat ihr dies ermöglichen. Falls aber eine Frau genötigt werden sollte, ein bestimmtes Frauenbild leben zu müssen, muss sich der säkulare Staat auf ihre Seite stellen und ihr seine Unterstützung anbieten.

Aktuell ist das gesellschaftliche Klima von zunehmender Intoleranz geprägt. Von Nichtmuslimen wird die Verschleierung als Symbol der Unterdrückung der Frau wahrgenommen, während sie von gläubigen Muslimen als verpflichtend, weil göttliches Gebot, verstanden wird. In diesem Stadium der Diskussion sollte der Fokus nicht auf dem Verbot der Burka liegen, sondern darauf, zu versuchen, Frauen Möglichkeiten zu bieten, wählen zu können, welches Frauenbild sie leben möchten.

 

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