Mario Draghi als Reanimateur

Der 9.3.2016 war ein bemerkenswerter Tag. In einer Pressekonferenz gibt der Chef der EZB Mario Draghi folgendes bekannt:

  • Der Leitzins, zu dem sich Banken kurzfristig Geld bei der EZB borgen können, wird von bisher 0,05 Prozent auf nunmehr 0,0 Prozent abgesenkt.
  • Gleichzeitig wird das seit März 2015 laufende Anleihenkaufprogramm von monatlich derzeit 60 Milliarden auf 80 Milliarden Euro monatlich aufgestockt.
  • Neben Staatsanleihen von Euroländern werden künftig auch Unternehmensanleihen von Nichtbanken gekauft, sofern diese in Euro begeben wurden.
  • Erstmals ermöglicht die EZB privaten Banken die Kreditaufnahme zu negativen Zinsen. Sprich: Die Banken können sich Geld bei der EZB ausborgen und müssen weniger zurückzahlen. Der negative Zinssatz kann auf maximal minus 0,4 Prozent sinken.

Begründet wurden diese Maßnahmen mit der anhaltenden Gefahr einer Deflation in der Eurozone. Die wesentlichste Aufgabe der EZB ist es, die Infaltion in der Eurozone bei knapp unter 2% zu halten. Derzeit pendelt die Inflationsrate um die 0% Marke.

Warum ist eine Inflationsrate von 2% wichtig?

Unser Wirtschaftssystem funktioniert auf der Basis von stetigem Wachstum und Wachstum kann nur erzielt werden, wenn die Teilnehmer des Marktes ihr Geld möglichst schnell ausgeben. Dies kann erreicht werden, wenn der Wert des Geldes im Laufe der Zeit stetig abnimmt. Der Wertverlust des Geldes hat zur Folge, dass für den Erwerb einer Ware in Zukunft mehr Geld ausgegeben werden muss als heute.

Im Falle einer Deflation, wenn also das Geld an Wert gewinnt, kommt es zum gegenteiligen Effekt. Investoren, Firmen aber auch Konsumenten verschieben Ausgaben so lange als möglich in die Zukunft, weil sie dadurch für die selbe Leistung weniger Geld ausgeben müssen.

Der Wirtschaftsmotor läuft also nur dann, wenn die Marktteilnehmer, angeregt durch einen stetigen Wertverlust des Geldes, investieren bzw. konsumieren.

Warum setzt die EZB so drastische Maßnahmen?

Seit der Bankenkrise und der daraus folgenden Euro- und Staatsschuldenkrise betreibt die EZB eine massive Politik des billigen Geldes. Durch den Umstand, dass billiges Geld in den Markt gepumpt wird, soll ein Steigen der Inflationsrate erreicht werden. Wenn Firmen und Konsumenten, so das Kalkül, an billiges Geld kommen, werden sie vermehrt investieren bzw. konsumieren. Allein der Erfolg ist ausgeblieben. Die Inflationsrate pendelt, trotzt der Maßnahmen der EZB, um die 0% Marke herum.

Durch eine neuerliche Intensivierung der Bemühungen hofft die EZB den Wirtschaftsmotor wieder auf Touren zu bekommen.

Kritiker weisen darauf hin, dass durch die von der EZB betriebene Poltik des billigen Geldes der Druck zu notwendigen Strukturreformen und Strukturbereinigungen in den Mitgliedsstaaten des Euroraumes genommen wird. Sie sehen Europa auf dem selben Weg wie Japan, in dem über Jahrzehnte eine ähnliche Politik betrieben wurde, ohne dass sich der erwartete Erfolg eingestellt hätte.

Kann die EZB Wachstum generieren?

Die Bemühungen der EZB können nur fruchten, wenn es in den Euro-Ländern Potential zu Wirtschaftswachstum gibt. Dieses Potential kann nicht durch Geldpolitik geschaffen werden. Auch Strukturreformen können Wachstum nur fördern, es aber nicht schaffen.

Betrachtet man die Wachstumsraten der entwickelten Industriestaaten über einen längeren Zeitraum, erkennt man, dass sie seit dem Ende der 80-er Jahre im Schnitt langsam aber stetig fallen. Die von den Wirtschaftswissenschaftern geforderten Wachstumsraten von 3% werden von den Industriestaaten schon seit einigen Jahren nicht mehr erreicht. Diese Entwickung ist unabhängig von den politischen Programmen der regierenden Parteien. Sozialdemokratisch regierte Länder kämpfen mit den selben Problemen wie konservativ oder neoliberal geführte Staaten.

Die 2008 ausgelöste Finanzkrise und die daraus folgende Euro- und Staatsschuldenkrise wird als Grund für die niedrigen Wachstumsraten angesehen, sie sei die Ursache für die aktuelle Krise.

Betrachtet man jedoch die Entwicklung der Wachstumsraten über einen Zeitraum von 70 Jahren, kommt man zum Schluss, dass es sich genau umgekehrt verhält. Die stets sinkenden Wachstumsraten sind nicht Folge der Krise sondern sind deren Ursache.

Wegen der zu geringen Wachstumsraten ist es zu massiven Konjunkturbelebungsprogrammen und damit verbunden zu den drastisch gestiegenen Staatsschulden gekommen.

Wegen der zu geringen Wachstumsraten haben Investoren neue Verdienstmöglichkeiten gesucht und sie in der Finanzwirtschaft gefunden. Gelder wurden, wegen der zu niedrigen Renditen, zunehmen der Realwirtschaft entzogen und in die Finanzwirtschaft gepumpt. Mit den bekannten Folgen der Bildung und dem Platzen von Blasen.

Warum stockt das Wirtschaftswachstum in den Industriestaaten

Die Antwort liegt in der exponentiellen Natur des Wachstums. Gleichbleibende prozentuelle Wachstumsraten bedeuten in absoluten Zahlen eine stetige Steigerung des Umsatztes gegenüber dem Vorjahr und diese Steigerung muss mit jedem Jahr größer als die vorjährige Steigerung ausfallen.

Wenig entwickelte Volkswirtschaften schaffen diese Steigerungen leicht. Je weiter eine Volkswirtschaft entwickelt ist, desto schwieriger fällt es, die geforderten Steigerungen zu ereichen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem eine weitere Steigerung nicht mehr möglich ist. Mit Strukturreformen, Konjunkturprogrammen kann das Erreichen dieses Punktes zwar hinausgezögert werden, es kann aber nicht verhindert werden, dass eine Volkswirtschaft früher oder später an diesem Punkt ankommt.

Diese Entwicklung lässt sich schön am Beispiel Chinas verfolgen. Lag das Wirtschaftswachstum Chinas im Jahr 2010 noch bei 12,1% ist es seitdem stetig gesunken und liegt aktuell bei 6,9%, was dem niedrigsten Wachstum seit 25 Jahren entspricht.

Fazit

Mario Draghi wird in seiner Rolle als Reanimateur der schwächelnden europäischen Wirtschaft über kurz oder lang scheitern. Dieses Scheitern ist nicht seinem Unvermögen geschuldet, sondern ist systembedingt. Ein auf exponentiellem Wachstum basierendes Wirtschaftssystem kann in einer endlichen Welt nicht endlos wachsen, es stößt früher oder später an reale Grenzen (siehe Wer ist schuld an der Krise?).

Wenn man dieses Wirtschaftssystem akzeptiert, muss man auch akzeptieren, dass es in diesem System zu periodischen Krisen kommt, zu Krisen, in denen die Wirtschaft drastisch schrumpft, um dann wieder exponentiell wachsen zu können, die Krise ist integraler Bestandteil dieses Wirtschaftsmodells. Dabei muss man sich beweußt sein, dass diese Krisen in der Regel nicht nur auf die Ökonomie beschränkt bleiben.

Wie ökonomische Krisen ausufern können, erleben wir aktuell in Europa und in den USA, wo links-, aber ganz besonders rechtspopulistische und nationalistische Parteien auf dem Vormarsch sind. Der Vormarsch der Nationalismen findet allerorten statt und bedroht inzwischen die EU in ihren Fundamenten.

Wie es aussieht, kämpt der Reanimateur Draghi auf verlorenem Posten.

 

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