Khol’sche Nächstenliebe

Der Präsidentschaftskandidat der ÖVP hat die Nächstenliebe entdeckt!

Bei seinem Auftritt bei der Klubklausur der ÖVP in Bad Leonfeld rückte Andreas Khol sein, wie es scheint, zentrales Anliegen im Rennen um die Präsidentschaft in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. „Ich bin ein Freund der Nächstenliebe, die Nächstenliebe kann aber nicht nur eine Fernstenliebe sein. Charity begins at home – wir müssen zuerst auf unsere Leut‘ schauen„.

Die Nächstenliebe ist ein Grundpfeiler des Christlichentums (Christian Spieß). In der Enzyklika Deus caritas est (2005) von Papst Benedikt XVI heißt es: „Nächstenliebe besteht ja darin, daß ich auch den Mitmenschen, den ich zunächst gar nicht mag oder nicht einmal kenne, von Gott her liebe.

Andreas Khol, der einst die christlichen Grundwerte in einer Präambel zur Österreichischen Bundesverfassung verankert wissen wollte,  sieht die Nächstenliebe in einer etwas modifizierten Form. Im Gegensatz zu Matthaeus 19:19: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ ist für ihn die Nächstenliebe abhängig vom Abstand des Nächsten von uns. Wenn der Nächste nur weit genug entfernt ist, wird er zum Fernsten. Er bedarf dann natürlich nicht mehr der Nächstenliebe und umgekehrt gilt für ihn: Je geringer der Abstand, desto größer muss die Nächstenliebe sein. Für Andreas Khol folgt die Nächstenliebe quasi einem Gesetz der indirekten Proportionalität: Sie ist indirekt proportional zur Entfernung des Nächsten von uns.

Der Nächstenliebeindex

Herr Khol, dieser Zusammenhang ließe sich sehr schön in ein mathematisches Korsett zwingen. Ausgehend von der Eigenliebe EL könnte man die Nächstenliebe NL(d) zu einer Person, die von uns den Abstand d hat, berechnen mit: Naechstenliebe2Mit dieser Formel ließe sich sehr schön die Idee der kapazitätsorientierten Obergrenze für Asylwerber umsetzen. Bezeichnen wir NL(d) als den Khol’schen Nächstenliebe-Index, dann lässt sich der Zuzug von Asylwerbern einfach durch die Festlegung eines Grenzwertes für diesen Nächstenliebe-Index steuern.

Beim Versuch, nach Österreich einzureisen, gibt ein Asylwerber sein Herkunfstland an. Aus der Entfernung seines Herkunftlandes zu Österreich wird der Nächstenliebe-Index berechnet. Liegt sein Nächstenlieb-Index über dem Grenzwert, darf er nach Österreich einreisen, andernfalls müßte er abgeschoben werden.

Das schöne an dieser Lösung, Herr Khol, ist die Möglichkeit damit einen Automatismus zu verknüpfen. Per Gesetz könnte der Grenzwert für den Nächstenliebe-Index an die Zahl der bereits eingewanderten Asylwerber gekoppelt werden. Wäre das nicht herrlich, Herr Khol, ein Automatismus zur Quantifizierung der Nächstenliebe zu haben? Damit ein Instrument zur Steuerung einer kapazitätsorientierten Obergrenze für Asylwerber zu haben? Allein diese in Zahlen gegossene Nächstenliebe hat mit gelebten christlichen Werten gar nichts zu tun.

Herr Khol, Sie bewerben sich um das höchste Amt im Staat. Da wäre es schön, Sie jene Werte, die zu schätzen Sie vorgeben, auch wirklich leben. Ein Bundespräsident, der von einer Bundesregierung die Einführung einer kapazitätsorientierten Obergrenze fordert, fordert die Bundesregierung zum Rechtsbruch auf! Diese Forderung als einen Akt der Nächstenliebe zu verkaufen ist Zynismus. Das ist das Letzte, was sich die Bürger von einem vom Volk gewählten Staatsoberhaupt erwarten.